Vom nächtlichen Besuch um viertel vor drei
von am 08.11.2010 um 02:31 (1530 Hits)
Trotz wiederholter Versuche von Motoristen, uns ins Jenseits zu befördern, erreichen wir nach einiger Zeit unser Hotel. Skurrile Gefährte pilotieren sie. In der schwarzen Nacht werden die Frontscheinwerfer abgeklemmt und stattdessen LED Röhren unter dem Fahrzeug mit Strom versorgt. Das nächtliche City Limit scheint sich grundlegend von dem tagsüber zu unterscheiden.
Erneut müssen wir uns beim Betreten des Hotels einer recht “laschen” Sicherheitskontrolle ergeben. Es piepst und blinkt, doch die Wachen winken uns einfach durch. “Du bist nicht einer der Bösen”, lächelt der Sicherheitsbeamte, ehe er uns eine gute Nacht wünscht.
Wir schauen noch einmal in der Hotelbar vorbei. Ein lustiger Mix aus betrunkenen Amerikanern erwartet uns dort. Diese Gäste haben offensichtlich jede zeitliche und geografische Orientierung verloren. Warum sonst grölt man Klassiker wie “Sweet home Alabama” oder “Ring of Fire” – "Walk like an Egyptian" wäre viel passender. Außerdem sehen wir einige Renter, die sich sichtlich für ihre Landsleute fremdschämen. Nur kurz geben wir uns den Gesängen hin, dann brechen wir auf.
Gerade als wir die Tür öffnen, klingelt das Zimmertelefon. Es meldet sich der Zimmerservice. “Dürfen wir Ihnen nun Ihre bestellte Flasche Wein auf das Zimmer bringen?” Ich schaue meine Reisebegeiterin kurz fragend an, sie schüttelt mit dem Kopf. Ich erwidere, dass ich nichts bestellt hätte. Ohne weitere Worte wird aufgelegt.
Draußen bemerken wir ein Feuerwerk und schauen uns das Ganze vom Balkon aus an. Noch immer hat es über 30 Grad, ohne schwül zu sein. Das Telefon klingelt erneut. Wieder ist es der Zimmerservice. Wieder sollen wir eine Flasche Wein bekommen, nun sei sie in unserer Rate inkludiert. Auch das verneine ich. Ich schaffe es nicht einmal zurück auf den Balkon, ehe es erneut klingelt. Leicht genervt hebe ich ab. Doch jetzt ist eine andere Stimme dran: “Sie bekommen von uns wegen des Ärgers rund um Ihren Check-in und das Gepäck die Flasche als kleine Aufmerksamkeit des Hauses.”
Nun bin ich verwirrt, doch die dritte Variante klingt am nettesten. “Rot- oder Weißwein?” Ich entscheide mich für den weißen, bedanke mich und wende mich wieder dem Feuerwerk zu. Auch dreißig Minuten später ist noch niemand aufgetaucht. Wir bemerken, dass wir ganz schön erschlagen sind. Nur halb bekleidet schlafen wir auf dem nicht abgedeckten Bett ein.
Eine Tür schlägt laut ins Schloss. Wie von der Tarantel gestochen fahre ich hoch. Mit einem breiten Grinsen steht ein uniformierter Mann vom Zimmerservice vor mir, in der Hand eine Flasche Wein. Es ist 2:44 Uhr morgens. Erst weiß ich nicht so recht, was ich sagen soll. Völlig verdattert zeige ich auf die digitale Anzeige des Weckers. Gemeinsam schauen wir zu, wie die Anzeige auf 2:45 wechselt. Ich drehe mich wieder zu dem immer noch grinsenden Mann um. Erst jetzt bemerke ich, dass ich keine Hosen mehr an habe und das Hemd 3/4 aufgeknöpft ist. Es dauert noch einige Sekunden, bis sich diese Information den Weg ins Gehirn bahnt, und ich verstehe was los ist. Schlagartig bekommt die Situation etwas Groteskes. Während ich noch überlege, wie man die Situation galant löst, steht er nach wie vor stumm, aber grinsend mit seiner Flasche mitten im Zimmer. Hose anziehen? Bademantel schnappen oder einfach tun als wäre nichts? Auf Grund der einfachen Umsetzung entscheide ich mich für letzteres. "Was eine Überraschung", bringe ich raus – er scheint sich sichtlich zu freuen, dass ich die Sprache wieder gefunden habe. "Sie ist für Sie, Sir" folgt. Leise denke ich bei mir, dass das wohl den Umstand erklärt, wieso er in meinem Zimmer steht. Als wäre es das normalste auf der Welt, fragt er mich, ob er die Flasche öffnen dürfe. Der junge Mann scheint wirklich zum Spaßen aufgelegt zu sein. Dankend lehne ich sein Angebot ab. Er stellt die Flasche ab, bevor ich ihn aus dem Zimmer verweisen kann.
Es ist Rotwein.









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