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Thema: Jenseits von oder voll zum Thema ‚Dark Tourism‘: Eine Winterreise nach Syrien

  1. #41
    Erfahrenes Mitglied Avatar von charliebravo
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    Zitat Zitat von Hene Beitrag anzeigen
    Aufgrund der Sicherheit (und aus vielerlei anderen Gründen) habe ich mir professionelle Hilfe (in Form eines lokalen Reisebüros, s.o.) besorgt, um Risiken möglichst zu minimieren. Die Lage ist in einigen Gebieten einfach noch recht volatil, ohne 'grounded knowledge' es oft nicht klar, wo z.B. evt. noch Munition oder Minen herumliegen.
    Die (teilweise sicher berechtigten) Gründe, kann ich ja auch verstehen, deswegen würde die Reise auch ohne +1 statt finden.
    Hast Du auch Infos zu lokalen RB deiner Wahl
    Kontaktiert hast Du die direkt aus Deutschland per Mail?

    Das mit dem unmölichen (sehr schwierig zu bekommenen) Visa, hatte ich eben auch schon gelesen, umso interessanter eben Dein Weg.

    Ich bin auf jeden Fall schon super gespannt, auf die Fortsetzung
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  2. #42
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    Siehe #25
    Marrota travel
    Zitat Zitat von charliebravo Beitrag anzeigen
    Die (teilweise sicher berechtigten) Gründe, kann ich ja auch verstehen, deswegen würde die Reise auch ohne +1 statt finden.
    Hast Du auch Infos zu lokalen RB deiner Wahl
    Kontaktiert hast Du die direkt aus Deutschland per Mail?

    Das mit dem unmölichen (sehr schwierig zu bekommenen) Visa, hatte ich eben auch schon gelesen, umso interessanter eben Dein Weg.

    Ich bin auf jeden Fall schon super gespannt, auf die Fortsetzung
    Hene und charliebravo sagen Danke für diesen Beitrag.

  3. #43
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    Sorry, euch hier etwas warten lassen zu müssen. Reichlich Arbeit und ein intensives Abendprogramm in Berlin gerade... Geht aber morgen weiter.
    Autumla, m!ler, globetrotter11 und 4 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  4. #44
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    Lieber Qualität auf die wir geduldig warten müssen, als Semi-Live-Mist.
    Travel_Lurch, FarFlyer, CarstenS und 5 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.
    Influencer sind eine Krankheit

  5. #45
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    3. Tag

    Nach einer unruhigen Nacht, im Hotel nebenan wurde bis in die Puppen Hochzeit gefeiert und die wummernde Heizung im Hotel machte ein geöffnetes Fenster notwendig, ging es kurz nach Sonnenaufgang zum Frühstück. Dieses war nicht der Rede wert: Etwas Aufschnitt, Käse und Oliven, dazu das papierähnliche syrische Brot. Keine Ahnung, warum die Hitlerkatze des Hotels so hinter der Scheibe danach geiferte.



    Mit Fahrer und Guide namen wir ein paar Happen und drei Tassen starken Schwarztee und machten uns auf den Weg in den frischen, wieder sehr sonnigen Morgen. Trotz doch sehr anderer Landschaft, hier mediterrane Landwirtschaft mit sanften Hügeln, rostroter Erde und Olivenbäumen, dort eher bewaldetes Mittelgebirge, erinnerte mich die Stimmung unterwegs an eine meiner frühen Reisen durch Bosnien 1997. Die zum Teil stark zerstörten Dörfer, in denen aber dennoch einiges an zum Teil improvisierten Alltagsleben herrschte, ließen keinen Zweifel an der unmittelbaren Kriegsvergangenheit. Verzweiflung aber auch der Wunsch nach einem Leben danach lagen hier praktisch in der Luft. Über eine ziemlich gute Fernstraße erreichten wir erneut Homs, fuhren an komplett zerbombten Stadtvierteln, aber auch der heute (samstags) wieder quirligen Innenstadt vorbei nach Osten. In einer Kaserne der syrischen Armee, in der es von martialischen Assad-Portraits, Hafez und Bashar, nur so wimmelte, holten wir bei einem freundlichen Kontaktoffizier mein Palmyra-Permit in Form eines Briefes ab, den wir dann an den sechs Checkpoints auf dem Weg durch die Wüste vorzeigen mussten.

    Gegen 11h erreichten wir nach einer rasanten Fahrt auf einer schnurgeraden Überlandstr. durch die knochentrockene Landschaft, vorbei an zerschossenen Hütten, Tankstellen, Autos und Verkehrsschildern, aber auch einigen riesigen Ziegenherden, die Palmyra-Oase, auf Arabisch als Tadmur bekannt.

    Von zwei Bergketten flankiert war Tadmur bereits in frühantiker Zeit ein strategisch wichtiger Siedlungs- und Handelsort, der z.B. bereits in altassyrischen und babylonischen Quellen erwähnt wurde. Zur Blüte gelangte die Oase allerdings zu römischen Zeiten, als sie zu einer freien Stadt ernannt wurde und den Karawanenhandel vom Mittelmeer durch die Wüste zum Euphrat und weiter nach Persien und Indien dominierte (und dadurch steinreich wurde). Durch den Austausch mit den umliegenden Staaten entwickelte sich hier eine einzigartige Kultur (nicht unähnlich dem Hellenismus), die sowohl von griechischen, römischen und später byzantinischen, als auch von mesopotamischen und persischen Einflüssen bestimmt wurde. Unter Fürstin Zenobia schwang sich Palmyra als mächtige Provinz im späten 3. Jahrhundert gar auf, Teile des östlichen Römischen Reiches zu besetzen, was jedoch schiefging. Die römische Wiederbesetzung leitete den Niedergang Palmyras ein.



    Während des Bürgerkriegs war Palmyra Ziel schwerer Kampfhandlungen. Die Front zwischen syrischer Armee und Verbündeten und dem IS verschob sich zweimal über die Stadt hinweg. Zunächst wurde Palmyra im Mai 2015 vom IS eingenommen und im März 2016 wieder vertrieben, mit einem Überraschungsangriff kam der IS allerdings im Dezember 2016 zurück und hielt sich bis zum Frühjahr 2017. Durch die Kämpfe wurde die Stadt mit früher rund 50.000 Bewohnern schwer zerstört, nach Angaben unseres Begleiters, eines Soldaten, den wir an einem Armeestützpunkt auflasen, leben 2.000 Zivilisten wieder dort. Während wie im langsamen Tempo durch die Ruinen fuhren, in denen Kinder spielten, während ihre Eltern nebenan die Behausungen wieder einigermaßen herrichteten, wurde mir traurig zumute. Die offiziellen Ankündigungen, den Ort wieder für den Tourismus zu öffnen, kamen mir bei diesem Anblick wie blanker Hohn vor.





    Wir hielten vor dem ehemaligen Archäologischen Museum, gegenüber der komplett (bis hin zu den Palmen) verwüsteten Stadtverwaltung. Das Museum selbst wurden vom IS als Gefängnis und Hinrichtungsort (u.a. wurde der Museumsdirektor enthauptet) genutzt. Vor allem große und sperrige Kulturobjekte, die nicht in aller Eile vor dem Einzug des IS nach Damaskus evakuiert werden konnten, wurden schwer beschädigt, vor allem Gesichter von Büsten, Mosaiken und Reliefen zerkratzt und abgeschlagen. Andere zudem auf Nimmerwiedersehen ins Ausland geschmuggelt und verkauft. Die gesamte Einrichtung wurde zertrümmert.













    Bei der Rückeroberung hat das Museumsgebäude zudem schwere Schäden durch Luftangriffe abbekommen. Im Dach des Foyers klafft ein riesiges Loch.



    rorschi, Exploris, Chaosmax und 55 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  6. #46
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    Fortsetzung

    Nach diesem schlimmen Ort, an dem es mir fast die Tränen in die Augen trieb, und zwei Zigarettenlängen, um das Zittern aus den Händen zu bekommen, fuhren wir weiter zu den antiken Ruinen am Rande der Palmenoase. Auch hier hatte der IS schweren Schaden angerichtet: Der innere Baal-Tempel, eine auf dutzende Tonnen schweren Säulen sitzende Anlage wurde unter Einsatz größerer Mengen Sprengstoffes pulverisiert: Es steht nur noch das Eingangsportal.







    Die Außenanlage des Tempels ist allerdings unzerstört erhalten geblieben.











    Auch das Hadrianstor am Eingang zur majestätischen Säulenstraße wurde zerstört.







    Davon abgesehen war es ohne Frage ein erhabenes Gefühl (in Bildern und Worten kaum widerzugeben), in der warmen Wintersonne ganz allein (nur begleitet von einem Soldaten sowie Hassan) durch die gigantische 19 km² große Anlage zu streifen. Nur sehr, sehr vereinzelt kommen Touristen hierher, ich war der einzige an dem Tag.











    Das 3.000 Besucher fassende Amphittheater Palmyras hat den Krieg in relativ gutem Zustand überstanden. Im Jahr 2016 hatte das St. Petersburger Marijnskij-Orchester hier bereits ein Konzert für Angehörige der russischen Militärpolizei, die hier einen Stützpunkt unterhält, gespielt. Die damit suggerierte ‚Normalität‘ wurden durch den Wiedereinzug des IS wenige Wochen später und die Zerstörungen an der Theaterbühne wieder zunichtegemacht.





    Kurz vor dem Ende der Säulenallee mahnte unser Aufpasser zum Ende des Spaziergangs. Der Abschnitt von hier bis zur Zitadelle sei noch nicht sicher, die Räumung von Sprengfallen und Minen sei jedoch im Gange.



    Wir liefen gemächlich zurück und stiegen wieder ins Auto, aus dem mein Fahrer nicht mal ausgestiegen war. Auf meine Nachfrage, warum ihn das nicht interessiere, sagt er, dass sei ja nicht der Eiffelturm. Wir mussten alle herzlich lachen.

    Es war inzwischen 14h und wir wollten bzw. sollten bis zur Dämmerung wieder in Homs bzw. auf dem Weg nach Damaskus sein. In Palmyra selbst gibt es keine Hotels und angesichts der Lage in der Stadt wäre es auch nicht mein größter Wunsch, dort zu übernachten. Vorbei an den vormittags bereits passierten Checkpoints hielten meine Begleiter nach einer Ziegenherde samt Hirten Ausschau. Der Fleischpreis sei hier nur halb so hoch wie in Damaskus und die beiden liebäugelten mit einem Schlachtvieh, entschieden sich dann aber doch gegen einen Kauf. Nach rund zwei h Fahrt erreichten wir Homs und suchten uns ersteinmal einen Imbiss.



    Mehr als reichlich Schawarma mit frischem Salat und Pommes war gar nicht notwendig. Gut gestärkt machten wir uns auf den Rückweg nach Damaskus, das wir mitten in der abendlichen Rushhour erreichten.

    Wieder im Guesthouse angekommen, kam ich mit einer charmanten jungen Frau ins Gespräch, die für Mustafa Ali, den Künstler, Büro-Aufgaben erledigt. Sie führte mich in dem unerwartet geräumigen Innenhofhaus herum. Danach saßen wir noch stundenlang unter den Orangenbäumen im Innenhof und unterhielten uns, rauchten und hörten Beethoven und Schubert. Ein ziemliches Wechselbad der Gefühle an diesem Tag ging zu Ende.
    rorschi, Exploris, Chaosmax und 70 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  7. #47
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    Beeindruckend. Bedrückend. Für Palmyra gibt es glücklicherweise 3D-Animationen, die die zukünftige Rekonstruktion erleichtern sollen. Das mindert aber nicht meine Wut und mein Unverständnis..
    Danke für die Einblicke.
    Hene, DrNo und Reyhan sagen Danke für diesen Beitrag.

  8. #48
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    Ehrlicherweise habe ich gedacht, dass es in Palmyra noch schlimmer aussieht. Wieder mal spannende Einblicke, die das Hinwollen-Gefühl befeuern. Danke!
    Hene und DrNo sagen Danke für diesen Beitrag.

  9. #49
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    Das mindert aber nicht meine Wut und mein Unverständnis..
    Danke für die Einblicke.
    Dem schliesse ich mich in beiden Punkten an.
    Hene sagt Danke für diesen Beitrag.

  10. #50
    Erfahrenes Mitglied Avatar von Airsicknessbag
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    Zitat Zitat von Hene Beitrag anzeigen
    Die offiziellen Ankündigungen, den Ort wieder für den Tourismus zu öffnen, kamen mir bei diesem Anblick wie blanker Hohn vor.
    Irgendwie anruehrend, wie da jemand improvisierte Kulturgutkennzeichen angepinselt hat.
    Hene sagt Danke für diesen Beitrag.

  11. #51
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    4. Tag

    Auch heute weckte mich die von einem wolkenlosen Himmel scheinende Sonne. So ein klares Winterwetter hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie erlebt und das bei angenehmen Temperaturen zwischen 16 und 18 Grad tagsüber. Ich blieb noch eine halbe h im Bett, heute sollte es erst um 9h losgehen.



    Nach ein paar Seiten im mitgebrachten Buch, in dem die Autorin anhand ihrer Familiengeschichte sehr anschaulich und durchaus packend 100 Jahre syrischer Geschichte erzählt, schwang ich mich auf in die Dusche und ging nach unten. Hassan klingte nach einigen Minuten am Tor und wir gingen raus in die engen Gassen der Damaszener Altstadt. Hier herrschte wie immer um diese Zeit bereits Hochbetrieb: Gemüse- und Lebensmittelhändler hatten ihr Angebot aufgebaut, sogar Antiquariate und Handwerker bereits ihre Geschäfte geöffnet. In einer winzigen, seit Generationen bestehenden Institution für Hummus, Foul und andere sättigende Köstlichkeiten bestellten wir dicke Bohnen und Kichererbsen in gut mit Knoblauch gesättigten Hummus, zu denen wie überall ein Tellerchen mit eingelegtem Gemüse gereicht wird. Ich liebe diese Orte und ziehe sie gern irgendwelchen langweiligen Hotelfrühstücks vor.







    Nach diesem reichhaltigen Frühstück rief der vor der Tür wartende Fahrer an, wir stiegen ins Auto und fuhren in südlicher Richtung durch dichten Verkehr an Shopping Malls und Eselskarren vorbei stadtauswärts die Autobahn in Richtung jordanischer Grenze. Unser heutiges Ziel war die aus römisch-nabatäischer Zeit stammende Ausgrabungsstätte Bosra Eski Sham in der Daraa-Provinz, welche gemeinhin mit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs in Verbindung gebracht wird. Im März 2011 war hier eine Gruppe von Teenagern, die regimekritische Graffiti an ihre Schule gesprüht hatten, festgenommen und in Haft schwer gefoltert worden. Dies nährte erste öffentliche Proteste in der Provinzhauptstadt (und wenige Wochen später im gesamten Land), die wiederum durch die syrische Armee niedergeschlagen wurden. Nach heftigen Kämpfen vor allem in den Jahren 2011 und 2012 fiel die Provinz weitestgehend an regimekritische Kräfte. Mit russischer Unterstützung erfolgte jedoch eine Rückeroberung der Provinz durch das syrische Militär, die 2018 mit einem Rekonzilierungsvertrag (dessen Einhaltung von der russischen Militärpolizei überwacht wird) zwischen mehreren (aber nicht allen) lokalen Rebellengruppen und der Assad-Regierung abgeschlossen wurde.

    Nach 100km auf der Hauptstraße bogen wir nach Osten in eine Landstraße ab, die 40 weitere km durch eine landschaftlich eindrucksvolle und landwirtschaftlich intensiv genutzte (v.a. für Olivenanbau) Ebene aus Vulkangestein/-böden führt. Hier passierten wir mehrere Posten der lokalen Miliz, weit und breit keine Assad-Portraits in Sicht. Auffällig war hingegen der hohe Grad der Zerstörung der allermeisten Dörfer unterwegs, kaum eine Wand hatte keine Einschusslöcher, viele Ruinen und Autowracks säumten die Straße. Nichtsdestotrotz herrschte viel Leben, von ausgestorbenen Siedlungen keine Spur.

    Anderthalb h nachdem wir Damaskus verlassen hatten, hielten wir vor dem Eingang des riesigen Amphittheaters von Bosra, das mit 15.000 Sitzplätzen mit Abstand größte im östlichen Mittelmeerraum. Ein fliegender Händler, der mich sofort mit vergilbten Postkarten, Büchern und „antiken“ byzantinischen Münzen belagerte, erklärte, dass ich der erste Besucher seit zwei Wochen wäre. Während der Fahrer sitzen blieb (!), gingen Hassan, der auch seit Beginn des Krieges nicht mehr hier gewesen war, und ich durch das Tor und ich war ziemlich überwältigt:











    So etwas sieht man in der Tat nicht alle Tage. Außer mir war nur noch ein halber Truppentransporter russischer Militärpolizisten (überwiegend Tschetschenen und vor allem mit Selfies beschäftigt) in der grandiosen, im 2. Jahrhundert aus dunklem Basaltgestein gebauten (und früher überdachten) Anlage unterwegs, die im Krieg so gut wie keine Schäden abbekommen hatte. Vor dem Kriegsausbruch, zuletzt 2010, fanden hier jährlich im September Musikfestivals statt, u.a. war Julio Iglesias aufgetreten.

    Wir machten einen ausgiebigen Rundgang durch die Katakomben und das Museum oberhalb der Bühne.









    rorschi, ChrischMue, Travel_Lurch und 50 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  12. #52
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    Fortsetzung

    Wir verließen das Theater und schlenderten durch die hinter dem Theater gelegenen antiken Ruinen von Bosra. Leider war die Zerstörung durch den zurückliegenden Krieg hier massiver. Teile der Anlage waren durch zeitgenössische Bebauung überprägt und viele Bewohner benutzten Säulen und Steine, um Ihre Vorgärten zu verschönern. Auch deuteten zahlreiche Einschusslöcher verschiedener Größe darauf hin, dass schwere Kämpfe stattgefunden hatten. Offene Gruben wiesen zudem auf Diebe hin, die hier Kulturschätze geplündert hatten. Viel Geld und noch mehr Expertise wird notwendig sein, hier noch bestehende Bausubstanz zu erhalten und vor weiteren Eingriffen zu schützen.











    Die römischen Ruinen waren wie überall in Syrien teilweise in nachfolgenden Epochen überprägt worden. Aus dem ersten Drittel des 7. Jahrhunderts etwa stammt die Umar-Moschee, eine der ältesten bestehenden islamischen Gebetsstätten überhaupt.



    Wenige Schritte entfernt befinden sich die Überreste einer christlichen Basilika aus dem 4. Jahrhundert (leider im Krieg schwer zerstört).





    Weiter südlich liegen die Ruinen der Kathedrale aus dem frühen 6. Jahrhundert, die als Vorbild gedient hat für den Bau der Hagia Sofia in Konstantinopel. Bei meinem Besuch diente deren Hof allerdings als Viehgatter für drei Dutzend Ziegen.



    Ich war ziemlich sprachlos, sowohl von der nach wie vor beeindruckenden Größe der Anlage als auch von dem leider z.T. bedauernswerten Zustand nach dem Krieg.

    Gegen 14h waren mir mit unserem Durchgang fertig und begaben uns nach einem Schwätzchen mit dem Souvenirverkäufer auf die Suche nach einem Restaurant. Derer gab es in Bosra nur ein einziges, das Grillhähnchen, Salat und Kartoffeln anbot. Ich hatte nichts auszusetzen. Der junge Restaurantbesitzer unterhielt und während unserer Mahlzeit mit seinen Businessplänen, u.a. wolle er Pferdekutschen-Touren anbieten. Ich dachte bei mir, dass es hier in Bosra aktuell sicherlich dringendere Dinge gäbe als solcherlei Touristenattraktionen zu etablieren.

    Gut gefüllt machten wir uns auf den Rückweg nach Damaskus, wo wir am Spätnachmittag ankamen. Nun war Zeit für ein bisschen Wellness, in einem mamelukischen Hammam aus dem 12. Jahrhundert in der Altstadt, ein wirklich tolles Etablissement.



    Nachdem ich mich gewaschen hatte (Hassan wollte wegen einer Erkältung leider nicht mit rein, trank aber gern Tee mit mir) und vom Personal gut umsorgt worden war (Haare schneiden, Brauen, Gesichtsmaske, you name it), ging es zum Falafel essen und nach einem Rundgang an Kamelfleischern vorbei zurück zum Guesthouse.





    Dort fand heute die Vernissage einer Sammelausstellung statt. Ich mischte mich unter das illustre Publikum, vom Habitus der europäischen Kunstszene nicht ganz unähnlich (nur ohne Rotwein in der Hand).

    Da an dem Abend in Beirut wieder einmal Proteste gegen die Regierung drohten, riet mir Hassan zu einem frühen Aufbruch nach BEY. Mein Fahrer las mich deshalb bereits um 20h auf und es ging rasant zur syrische-libanesischen Grenze, wo allerdings nur unwesentlich mehr Betrieb war als vier Tage zuvor. Auch auf der Schnellstraße nach Beirut musste nur eine Absperrung umfahren werden, gegen 22.30 waren wir bereits am Flughafen.

    Während ich wartete, mein Abflug war erst um 4h in der Früh, schaute ich kurz in die A3-App, wo meine geupgradeten Flüge drin standen. Beim Check-in dann Verwunderung beim Agent, das Segment BEY-ATH sei storniert worden. Nach längerem Gespräch mit A3 erklärte er mir, dass er die Buchung wiederherstellen könne, aber nur in Y. Ich willigte leicht zähneknirschend ein. Beim Boarding wenige h später wurde ich aber glücklicherweise wieder geupgradet, die Maschine war halb leer. Merkwürdig, das Ganze.



    In ATH noch in die weihnachtliche M&M-Lounge. Voller Eindrücke unterschiedlichster Art ging es in den besinnlichen Jahresabschluss daheim in Berlin.
    Geändert von Hene (27.01.2020 um 19:57 Uhr)
    rorschi, Exploris, Chaosmax und 68 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  13. #53
    Erfahrenes Mitglied Avatar von Batman
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    Sehr beeindruckend. Vielen Dank fürs "mitnehmen".
    Hene sagt Danke für diesen Beitrag.

  14. #54
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    Bei manchen Bildern fehlen einem die Worte.
    Danke schön.
    Hene, m!ler und globetrotter11 sagen Danke für diesen Beitrag.

  15. #55
    Erfahrenes Mitglied Avatar von Airsicknessbag
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    Sehr cool, vielen Dank. Inweiweit hattest Du den Eindruck, dass Dir da Normalitaet in Potjomkinschen Doerfern vorgespielt wurde (wie beispielsweise in NoKo)? Oder war es mehr das Phaenomen, dass in einem Teil des Landes echte Normalitaet herrscht, und im anderen, nicht notwendigerweise weit entfernt, aber sehr trennscharf, apokalyptische Verheerungen (Hargeisa vs. Mogadischu)?

    Zitat Zitat von Hene Beitrag anzeigen
    Dort fand heute die Vernissage einer Sammelausstellung statt. Ich mischte mich unter das illustre Publikum, vom Habitus der europäischen Kunstszene nicht ganz unähnlich (nur ohne Rotwein in der Hand).
    Wie kommt's? War Syrien nicht immer, zumindest in den oberen Schichten, die auf solchen Veranstaltungen rumturnen, sehr saekular und nicht uebermaessig interessiert an ueberkommenen Speisevorschriften?
    Hene und lupenreinerdemokrat sagen Danke für diesen Beitrag.

  16. #56
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    Zitat Zitat von Airsicknessbag Beitrag anzeigen
    Wie kommt's? War Syrien nicht immer, zumindest in den oberen Schichten, die auf solchen Veranstaltungen rumturnen, sehr saekular und nicht uebermaessig interessiert an ueberkommenen Speisevorschriften?
    Zum ersten Punkt 'Normalität' würde ich dieser Tage noch einen Epilog schreiben, damit die Sache rund wird.

    Was der fehlenden Rotwein auf der Vernissage angeht, war ich auch erstaunt. Der allergrößte Teil der Leute schien einem guten Tropfen nicht abgeneigt zu sein. Es waren wohl aber auch einige diesbezüglich eher konservative Gäste dabei, deshalb wurde auf den Ausschank ganz verzichtet. Insgesamt hast Du natürlich recht, die Damaszener Bürgerschicht, egal welcher Glaubensrichtung, scheint nicht allzu viel zu geben auf gesellschaftliche Konventionen.
    rorschi, MANAL, netrocker und 3 Andere sagen Danke für diesen Beitrag.

  17. #57
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    Vielen Dank für diesen anderen Bericht, für den der Danke-Button allein für mich nicht ausreichend ist. Er lässt mich einerseits nachdenklich zurück, andererseits macht er auch irgendwie Lust, sich das selbst anzuschauen.
    Hene, m!ler und HU+ sagen Danke für diesen Beitrag.

  18. #58
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    Wirklich ein grandioser Bericht in jeglicher Form. Die Art und Weise lässt mich staunend und dankbar zurück.
    Hene und m!ler sagen Danke für diesen Beitrag.

  19. #59
    Erfahrenes Mitglied
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    Zitat Zitat von Hene Beitrag anzeigen
    Was der fehlenden Rotwein auf der Vernissage angeht, war ich auch erstaunt. Der allergrößte Teil der Leute schien einem guten Tropfen nicht abgeneigt zu sein. Es waren wohl aber auch einige diesbezüglich eher konservative Gäste dabei, deshalb wurde auf den Ausschank ganz verzichtet. Insgesamt hast Du natürlich recht, die Damaszener Bürgerschicht, egal welcher Glaubensrichtung, scheint nicht allzu viel zu geben auf gesellschaftliche Konventionen.
    Meine Erfahrung in den 90ern war die, dass Religion schon eine Rolle spielt und dass sich Christen regelmäßig vollaufen lassen haben bzw. in die entsprechenden Nachtclubs gegangen sind, weil sie es konnten. Die Erfahrung, die hier schon geteilt wurde, dass der Arak in Strömen floss, kann ich so bestätigen.
    Hene sagt Danke für diesen Beitrag.

  20. #60
    Erfahrenes Mitglied
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    Nochmals vielen, vielen Dank für diese Schilderung deiner Eindrücke!

    Insbesondere auch des örtlichen Lebens und Lokalitäten.

    Auch zu lesen und sehen, wie das Land nach fast 9 Jahren Bürgerkrieg aussieht. Die Eindrücke aus den Medien sind immer sehr fern und können die Situation vor Ort nur bedingt einfangen - was in der Natur der Sache liegt.

    Ich selbst war etliche Male in Beirut und habe die Region immer sehr genossen. Syrien habe ich allerdings nicht geschafft.
    Hene sagt Danke für diesen Beitrag.

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