Frankfurter Flughafen: Tragisches Versagen bei Notfallversorgung – Ein System auf dem Prüfstand
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Es war der erste Flieger, der am 3. Juni 2025 am Frankfurter Flughafen landete. Die Nummer des Condor-Fluges: DE 2315. Zeit der Ankunft: 5:03 Uhr. An Bord waren das Ehepaar Stephanie und Volker Weintritt, ihre erwachsene Tochter und der Bruder der Frau. Zusammen hatten sie mehrere Tage auf Mauritius verbracht. Ein Wunsch, den sich das Ehepaar seit Langem erfüllen wollte. Alles schien perfekt.
Um 5:10 Uhr, als die Familie auf Gate C zusteuerte, sollte die Stimmung kippen. „Ich fühle mich irgendwie komisch“, hörte Volker Weintritt seine Frau sagen. Wenige Sekunden später rang die 64-Jährige um Luft. Der Bruder der Frau, ein Arzt, erkannte den Ernst der Lage. „Er sagte zu einem der anwesenden Polizisten, dass wir sofort
einen Rettungswagen brauchen“, erinnert sich Volker Weintritt. Um 5:23 Uhr wählte der Polizist den Notruf.
Er berichtete von einer Dame, die „kurzzeitig das Bewusstsein verloren“ habe. Ihre Lippen seien bläulich. Dem Notruf sollten zahlreiche weitere folgen. Denn der Zustand von Stephanie Weintritt verschlechterte sich rapide. Innerhalb von zehn Minuten müssen Rettungskräfte laut hessischem Rettungsgesetz bei Notfällen eintreffen. Doch an diesem Morgen dauerte es 47 Minuten, bis die Retter in Gate C liefen.
Stephanie Weintritt konnte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr selbstständig atmen. Um 7:04 Uhr wurde sie in das Universitätsklinikum Frankfurt eingeliefert und in ein künstliches Koma versetzt. Zehn Tage später starb sie. „Ein Arzt im Krankenhaus sagte mir, dass meine Frau wahrscheinlich noch leben würde, wenn der Rettungswagen früher gekommen wäre“, sagt Volker Weintritt.
Der
Flughafen Frankfurt ist einer der größten
Flughäfen Europas. Und einer der sichersten. Das legt zumindest die Eigenwerbung des Betreibers Fraport nahe. Er wirbt in einer Unterlage von 2024 mit einem flughafeneigenen Fuhrpark von 23 Rettungsfahrzeugen. 50 medizinische Fachangestellte beschäftigt Fraport.
Die Anzahl der Rettungseinsätze am Flughafen hat deutlich zugenommen
Der Fall von Stephanie Weintritt wirft jedoch die Frage auf, ob das beworbene Sicherheitskonzept möglicherweise Lücken hat. Fakt ist, dass die Anzahl der Rettungseinsätze am Flughafen Frankfurt zugenommen hat. Gab es 2021 noch rund 4500 Einsätze, waren es 2022 rund 5400 und 2023 circa 5800.
Laut einer Fraport-Auswertung von 2024 wurde die Hilfsfrist von zehn Minuten in 92,8 Prozent der Fälle eingehalten. Allerdings berücksichtigt diese Auswertung nur innerhalb des Flughafens stationierte Rettungskräfte, keine aus der Stadt kommenden Rettungswagen.
Antworten zum Sicherheitskonzept könnte der Prozess liefern, den die Hinterbliebenen von Stephanie Weintritt gerade vor dem Landgericht Frankfurt am Main führen. Verhandelt wird dabei nicht nur die Frage, ob sie noch leben würde, wenn die Helfer den Einsatzort früher gefunden hätten. Es geht auch um eine übergeordnete Frage: War das Unglück am Flughafen Frankfurt ein tragischer Einzelfall oder könnte sich Ähnliches wiederholen?
Nach dem Tod seiner Frau schrieb Volker Weintritt an Fraport, Ministerien, das Land Hessen, und die Stadt Frankfurt am Main. Er hoffte auf Unterlagen zu dem Fall. Antworten bekam der frühere Geschäftsführer eines Chemieunternehmens nur zögerlich. Schließlich engagierte er die versierte Medizinfachanwältin Michaela Bürgle.
Sie verklagte die Stadt Frankfurt, weil diese die rechtliche Verantwortung für den Rettungsdienst auch am Flughafen hat. Die Stadt bestritt im Prozess bislang jegliches Fehlverhalten und wies zurück, dass die Patientin bei einem früheren Eintreffen der Rettungsmannschaft noch leben würde – mit dieser Frage sind nun Gutachter beschäftigt. Weintritt hatte laut Klage eine Lungenembolie und einen Hirnschaden infolge einer unversorgten Atem- und Kreislaufsituation erlitten.
Die Telefonprotokolle der Feuerwehrleitstelle, die Anwältin Bürgle erstritten hat, stellen dabei genau dar, was in den Minuten vom ersten Notruf bis zum Eintreffen des Notarztes geschah. Darin lässt sich detailliert nachsehen, was zwischen dem Polizisten vor Ort, der Leitstelle und der Rettungswagenbesatzung besprochen wurde. Es ist schwer, dieses Protokoll nicht als Zeugnis eines Versagens zu lesen.
Um 5:29 Uhr ging demnach der zweite Anruf des Polizisten von Gate C in der Leitstelle ein. „Der RTW (Rettungswagen, d. Red.) rollt wahrscheinlich, richtig?“, fragte der Polizist. „Richtig“, antwortete der Leitstellenmitarbeiter. Um 5:38 Uhr wählte der Polizist erneut den Notruf.
„Wo bleibt denn der RTW? Die Dame ist fast weg“, so der Polizist. „Ja, der RTW kommt aus der Stadt und der steht vor der Tür und sucht jetzt schon, wo ihr seid“, so der Leitstellenmitarbeiter. Dann fügte er hinzu, dass die
Rettungswagenbesatzung „sich net so gut“ auskenne, „weil das ist ein RTW aus der Stadt, nicht vom Flughafen“.
„Der Polizist bei dem Rettungswagen muss auch noch beruhigt werden“
Weil Stephanie Weintritt unterdessen nicht mehr ansprechbar und der Kreislauf kollabiert war, begann der Bruder mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Einer der Polizisten vor Ort begab sich unterdessen auf die Suche nach dem Rettungswagen. Um 5:46 Uhr rief er die Leitstelle an. „RTW steht draußen bei uns Ankunftsfeld, aber der RTW ist leer“, so der Polizist. „Ah ja klar, weil die irgendwo im Gebäude sind und euch suchen“, antwortete die Leitstelle. Um 5:47 Uhr sagte ein Leitstellenmitarbeiter in einem internen Telefonat: „Der Bundespolizist, der bei dem RTW steht, muss dann auch noch beruhigt werden.“
Jener Polizist hatte sich um 5:48 Uhr zur Besatzung des Rettungswagens durchtelefoniert. „Hallo ja, wo sind Sie jetzt?“, fragte er. „Also wir gehen noch zum Fahrzeug, also wir laufen gerade zu unserem Fahrzeug“, war die Antwort. „Nein! Sie laufen jetzt nicht zu Ihrem Fahrzeug, Sie gehen jetzt zur Bundespolizeiwache im Bereich C, neben der Ausreise, die Kollegin holt sie ab“, insistierte der Polizist.
Doch die Rettungsmannschaft erschien auch danach nicht am Gate. Der Polizist rief erneut den Notruf. „Ich habe den aufgeregten Bundespolizisten nochmal in der Leitung“, sagte die Leitstelle daraufhin in einem Telefonat mit dem Krankenwagen. Sie schickte einen zweiten Rettungswagen los, der um 6:10 Uhr eintraf.
Feuerwehrleitstelle verweist auf „unterschiedliche Begleitumstände“
Fraport wollte Fragen zu den Protokollen mit Hinweis auf das laufende Gerichtsverfahren nicht beantworten. Zugleich teilte Fraport mit, dass die „Rettungskräfte des
Flughafens Frankfurt zwischen 05:14 und 07:03 Uhr in einem anderen Notfalleinsatz (mit Lebensgefahr) gebunden“ gewesen seien. Deshalb sei die notärztliche Versorgung durch außerhalb des Flughafens stationierte Rettungskräfte entsprechend eines etablierten Standardprozesses erfolgt.
Die Feuerwehrleitstelle der Stadt Frankfurt am Main erklärte, dass die genauen Einsatzzeiten im Rahmen des anhängigen Klageverfahrens aufgearbeitet würden. „Ungeachtet dessen ist einzuräumen, dass es aufgrund unterschiedlicher Begleitumstände zu Verzögerungen kam. Diese wurden/werden aufgearbeitet, um künftig auf ähnliche Situationen besser reagieren zu können“, so die Leitstelle.
Anwältin Bürgle will nun Aufklärung vor Gericht. „Es geht bei dem Gerichtsprozess um die grundsätzliche Frage, ob die notfallmedizinische Versorgung auf Deutschlands größtem Flughafen organisatorisch so aufgestellt ist, dass Menschen in akuter Lebensgefahr rechtzeitig Hilfe erhalten“, so Bürgle.
Sie betont, wie wichtig die Klärung dieser Frage sei. „Wenn es bereits bei einer einzigen Notfall-Patientin und leerem Flughafen zu solchen Verzögerungen kommt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie das System in einer größeren Schadenslage wie einem Anschlag oder einer Explosion funktionieren soll“, so die Anwältin.
Für Volker Weintritt werfen die Protokolle vor allem zwei Fragen auf. Warum war offenbar kein Rettungswagen am Flughafen verfügbar? Und warum wurde der Rettungswagen aus der Stadt anscheinend nicht korrekt gelotst? Weintritt sagt: „Ich möchte mit der Klage verhindern, dass solch eine lange Wartezeit bei einem Notfall am Frankfurter Flughafen sich wiederholen kann.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Andreas Macho ist WELT-Wirtschaftsreporter.