Zustimmung: Easyjet, Ryanair und andere Billigairlines verarschen gelegentlich Kunden.
Aber: LH hat das Kundenverarschen mit System auf ein höheres Niveau gebracht. Beispiele sind SEN-Aberkennung wg. Wohnortwechsel, "Gebühren" bei Meilenflügen, prinzipielle Verweigerung zustehender Entschädigungen nach Flugausfall und viele mehr.
Um verarscht zu werden, gehören ja
gebrochene Versprechen. Sonst ist es keine Verarsche, sondern einfach nur wenig oder schlechter Service, der bereits im Vorfeld bekannt war. Ryanair verspricht eigentlich so gut wie gar nichts, der Herr MOL sagt sogar ganz öffentlich, dass er sich nicht an die EU-Richtlinien hält und seine Kunden bei Irrops keine Betreuungsleistungen bekommen. Bei Flugausfall gibt es das Geld zurück, das war's, alles weitere ist das Problem des Kunden. Das mag nicht legal sein, aber es ist zumindest eine klare Ansage: "Hier wirst du beschissen." Wenn dieser Fall dann tatsächlich eintritt, ist es keine Verarsche, sondern die Erfüllung eines "Marketingversprechens".
LH hat freilich ein ganz anderes Verarschungsniveau, dort wird mit allen erdenklichen Kommunikationsmitteln bekanntlich ungeheuer viel versprochen und dann nicht gehalten – bzw. in einer Art und Weise interpretiert, mit der normale Kunden niemals rechnen würden. Es handelt sich also um eine kalkulierte Irreführung, die mittels "Marketingversprechen" und dem nach wie vor sehr guten Markenimage kommuniziert wird. Da viele Kunden diesem Image nach wie vor Vertrauen schenken, der Marke also vertrauen, sind sie leichte Opfer. Viele wollen sich sogar verarschen lassen und ignorieren, wie unsere KTG-Fans, die Realität, bloß um sich den schönen Schein nicht wegnehmen zu lassen. Kognitive Dissonanz soll um jeden Preis vermieden werden, und die Wahrheit stirbt bei etwas immer als erstes.
Ähnliches trifft natürlich auch auf andere große Airlines zu, LH ist bei dieser Form des Marketings jedoch gut mit dabei. Insbesondere hat LH die großen Medien gut im Griff, die das LH-Image einer souveränen, sicheren, vertrauenswürdigen, "deutschen" Airline immer wieder neu betonen. Dem Kunden wird dabei stets suggeriert, dass die LH-Mitarbeiter Fachleute sind, die stets wissen, was sie tun, auf deren Urteilskraft und Aussagen man sich verlassen kann – ein Unternehmen, das deutsche Tugenden wie Sicherheit, Anstand und Effizienz verkörpert. Dieser Vertrauensbonus ist für LH unheimlich wichtig, weil man in Wirklichkeit ja darauf setzt, bei der Schnittstelle zum Kunden schlecht bezahltes und schlecht ausgebildetes Personal einzusetzen, das den Kunden entweder bewusst anlügt oder zahlreiche Fehler zu seinen Lasten macht. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Normalkunde davon ausgeht, dass er es mit anständigen Fachleuten zu tun hat, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln und ihn nicht übervorteilen wollen – eben typisch deutsche Tugenden.
Und genau hier liegt der Kern der Verarsche. LH verhält sich in vielen Bereichen wie ein Trickbetrüger: EU-Richtlinien werden ignoriert, Umbuchungen nicht durchgeführt, Kunden belogen, inkompetente Auskünfte erteilt, Kundenaufträge fehlerhaft oder gar nicht umgesetzt, die IT arbeitet nach dem Zufallsprinzip, Versprechen wie die Statuslänge werden nach Gutsherrenart zurückgenommen, über potenziell nachteilige Programmänderung informiert man die Kunden in letzter Sekunde usw.
Alle diese Verhaltensweisen widersprechen dem kommunizierten Image einer anständigen Airline mit den typisch deutschen Tugenden. Und weil die meisten Kunden (insbesondere die konservativen, siehe auch KTG) lieber an das Gute glauben wollen und es sich nicht eingestehen möchten, dass sie an der Nase herum geführt werden, bleiben sie LH trotz allem treu. Treue ist ja auch so eine deutsche Tugend.
Insofern ist klar: Das LH-Konzept basiert in der Tat auf Kundenverarsche. Aber dazu gehören immer zwei: einer, der verarscht, und einer, der sich verarschen lässt. Das ist eine durchaus spannende Frage, weil es eben durchaus auch bei LH (und ähnlich agierenden Unternehmen) mal zu einem Punkt kommen kann, wo die loyale Masse der Kunden sagt: "Jetzt reicht's, bis hierher und nicht weiter. Wir glauben euch kein Wort mehr." Siehe Stuttgart 21, da wurde auch das urschwäbische Vertrauen in eine Obrigkeit enttäuscht, die das alles schon "richtig und im Sinne der braven Bürger" machen würde. Und dann rannten auf einmal die braven Bürger auf die Straße und mutierten zu "Wutbürgern".
Manchmal ist es nur ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Bei LH ist das Fass schon ziemlich voll, aber wohl noch nicht voll genug. Da geht noch was. Die Frage ist, wie lange noch. Kritisch wird es dann, wenn nicht nur die "Experten" in den Foren jammern, sondern die Masse der normalen Kunden den Aufstand probt. Das geht natürlich nur über die Medien, siehe auch hier KTG als Beispiel. Gerade deshalb ist LH auch so darauf erpicht, die meinungsbildenden Medien zu steuern und wohlkontrollierte Botschaften zu senden. Allerdings sollte man sich keine Illusionen machen: Wenn die Medien Blut und eine gute Story riechen, gelingt denen aus dem Stand eine Kehrtwende. Dann schießt man sich ein und begleitet so ein Thema wochenlang, und alle anderen springen gerne auf.