T+84h Touchdown oder auch: Snitches get stitches
Ungläubig über das, was ich in den letzten 84 Stunden getan und erlebt habe, höre ich ein: Welcome to Bangkok International Airport. Dies ist eine jener Geschichten, die ich meinen Kindern, genauso wie meine Erlebnisse während meines Austauschjahres in einem Redneckstate, irgendwann auf meinem Sterbebett erzählen werde, um ihren urteilenden Blicken zu entgehen.
Ich würde gern behaupten, dass der Flug ereignislos verlaufen ist, muss aber zu meiner Schande gestehen, dass ich enttarnt wurde. Als ich meinen Rücken mit knackenden Geräuschen vom Sitz in eine aufrechte Position drücken ließ, vernahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Meine Angst, in die Augen von medizinischem Personal zu blicken, das meinen Geisteszustand beurteilen möchte, war Gott sei Dank unbegründet. „Mach voll“, wollte ich schon reflexartig zum gut gelaunten Purser sagen, als er mich mit einem freundlichen „Hello, Mr. Alexander“ ansprach, brach jedoch mitten im Satz ab, als ich die große Karte und die Tüte in seiner Hand sah. Bevor er sein Anliegen schildern konnte, war ich mir sicher, dass ich zum Eigenschutz Hausverbot bekommen würde, oder mir eine Urkunde als König der Idioten verliehen wird.
Meine Eskapaden der letzten vier Tage waren offenbar auch an den Mitarbeitenden von Singapore Airlines nicht vorbeigegangen, die sich wahrscheinlich sicher waren, dass es einen Computerfehler gegeben haben müsse, als sie mein Ticket sahen. Long story short: Irgendwer hat mich verpetzt, und die Crew wollte sich bei mir dafür bedanken, dass ich mehr im Flieger sitze als sie selbst und meinte, sie würden sich freuen, wenn ich bald wieder mit ihnen fliegen würde. Wenn ihr wüsstet …
Um mein Vorhaben adäquat zu würdigen, wurde der Merchandiseschrank geleert und mir in einer blauen Tüte überreicht. Die Frage, wo denn der Alkohol sei, verkniff ich mir, ich wollte ja nicht noch unangenehmer auffallen. Mit leicht rotem Kopf und peinlich berührt bedankte ich mich artig und hoffte inständig, dass meine Mitreisenden nichts mitbekommen hatten.
Entlassen aus dem Business/First-Class Himmel stapfte ich zielstrebig zur thailändischen Immigration. Morgens um zehn Uhr war die Schlange Gott sei Dank nur kurz, und ich konnte bereits 35 Minuten nach Ankunft in mein Grab Richtung Innenstadt steigen.
Mein Hotel hatte ich kurzfristig vor Abflug in der Lounge gebucht. Bookingbewertung über 8, Lage mitten in der Stadt und ein saftiger Rabatt: Das ließ mein Schwabenherz höherschlagen! Leider hatte ich nicht zu genau hingeschaut. Einige Mitleser werden den Unterton einordnen können. Angekommen in der Sukhumvit 33, schaute ich mich mit großen Augen um. Die Mischung aus Chinese New Year Klientel und einem Nuru-Massagesalon (ich musste auch erst googeln, was das ist) nach dem anderen erinnerte mich stark an die Davidstraße, nur dass es hell war und ich keinen sitzen hatte. Das war gelogen. Also, es war hell …
Kurzer Blick ins Zimmer neben dem Treppenhaus: Muss reichen. Der anschließende Versuch, meiner +1 zu erklären, wo sich meine Absteige befindet und was zum Teufel ich hier NICHT suche, endete mit einem, ihr könnt es euch denken: „Aha …“ History repeats itself, dachte ich mir, und war mir sicher, dass sie das vollkommen in Ordnung findet.
Mit einer Mischung aus Jetlag und Dauerkater machte ich mich also auf den Weg zum nächstgelegenen Massagesalon. Dachte ich zumindest … Zwei Runden um den Block später fand ich in einer kleinen Gasse einen sehr netten Salon, in dem die Damen keine 20 waren und genug Kleidung trugen, um das Ganze zu Hause rechtfertigen zu können.
Nach dem zweiten Mal über den Rücken streichen fragte mich die nette ältere Dame direkt: „What you done?“ – Wenn du wüsstest, dachte ich nur. Sie akzeptierte die Herausforderung, verschwand kurz und kam mit einem „Aiaiai“ und einer Dose Tiger Balm zurück. 60 Minuten später fühlte ich mich wie eine ausgedrückte Luftpolsterfolie, konnte aber endlich wieder aufrecht laufen.
Den anschließenden Nachmittag verbrachte ich mit einem Powernap, bevor ich mich am Abend mit einem Pad Thai stärkte. Was danach folgte würde ich mir einem Begriff beschreiben: Würdelos!