Also. Das ist ja genau mein Thema hier
Zuerst einmal... es heisst "Gin and Tonic", nicht "Gin Tonic". "Gin Tonic" sagen nur Deutsche und Spanier; beide haben in der Regel keine Ahnung von dem Getränk. Die Deutschen weil sie eh nur zwei Sorten kennen und deshalb fast immer entweder Hendrick's bestellt wird, was langsam langweilig wird, oder Bombay Sapphire, den es in Deutschland nur in der minderwertigen Abfüllung mit 40 Vol% gibt; die Spanier, weil sie zwar immer zwanzig Sorten Gin da haben, aber dir immer ein riesig bauchiges Glas hinstellen, aus dem man nicht trinken kann, und alle anderen Drinks auf der Karte in der Regel eher der Zonk sind.
Gordon's ist auch nicht zu empfehlen, weil der mit 37,5 Vol% am unteren Ende dessen rangiert, was rechtlich überhaupt Gin geschimpft werden darf, und der Geschmacksunterschied zu ordentlich destillierten Wachholderschnäpschen auch für den Laien leicht zu schmecken sind. Analoges gilt für den bereits erwähnten Bombay Sapphire (der heisst übrigens "Bombay Sapphire", nicht "Bombay", denn das sind zwei ganz unterschiedliche Abfüllungen); wer die Gelegenheit hat, eine Flasche mit 47 Vol% aufzutun, möge bitte sofort zuschlagen und in einer Blindverkostung den Unterschied schmecken; der eine wird nach Gin schmecken, der andere eher nach Nagellackentferner.
Sehr empfehlenswerte Gins, zu denen ich bei Verfügbarkeit bevorzugt greife, sind generell Sipsmith (immer noch mein Favorit und zu Recht seit Jahren hoch gelobt), der Botanist (aus Islay von Bruichladdich, die machen auch tolle Whiskys), Tanqueray Ten, Martin Miller's Westbourne Strength, der normale Tanqueray... diesen Ferdinand's fand ich neulich auch mal nicht schlecht... "blumigere" Kandidaten wie G'Vine oder der omnipräsente Monkey 47 sind halt eher speziell und mehr für den Sommer geeignet, mit denen mischt man ja auch selten Cocktails.
Schöner Artikel von neulich im Telegraph zum Thema:
Thinking Drinkers: everything you ever wanted to know about gin - Telegraph
Weiter mit Cocktails. Ein Cocktail ist nach ganz, ganz klassischer Definition ja:
- Alkohol (Gin, Rum, Whisky, ...)
- Bitters
- Zucker
- Zitrusschale
- rühren
- fertig
Deshalb sind ja irgendwann, als die Hipster im vorvorvergangenen Jahrhundert angefangen haben Liköre oder Fruchtsäfte oder Eiweiß oder sonstwas reinzukippen und am besten auch noch zu schütteln, die Traditionalisten in Bars marschiert und haben einen "Cocktail, but the old-fashioned one" gefordert. Jetzt wisst ihr auch, wieso der so heisst
Folgende "Drinks" sind für Teenie-Mädchen und sollten von Erwachsenen, insbesondere Männern, nicht getrunken werden:
- Tequila Sunrise
- Sex on the Beach
- Mojito
- Caipirinha
- Swimming Pool
- Long Island Iced Tea
- Cosmopolitan
- Singapore Sling
- Mai Tai
- Pina Colada
- ...
Alles mit Schirmchen und viel Saft und Zucker kaschiert nur Grundgeschmack des enthaltenen Alkohols (was meist auch der Sinn ist, damit man sich abschießen kann ohne dass es "doof" schmeckt) und Unfähigkeit des/der Barmanns/frau; wer immer solches Zeug bestellt wird nie lernen, wie und welche Cocktails man trinkt.
Die Betonung liegt auf LERNEN. Wer jetzt von Pina Colada auf Dirty Martinis umsteigen will, wird scheitern. Es ist ein Prozess, der dauert Monate und Jahre, bis man den Geschmack und den Geschmack (ja, genau

) entwickelt für klassischere Drinks. Das fällt nicht einfach vom Himmel, aber manche Dinge könnt ihr garantiert jetzt schon - z.B. den Unterschied zwischen Hendricks und einem anderen Gin herausschmecken.
A propos schmecken... Wodka ist per Definition und Anspruch eine geruchs- und geschmacksfreie Spirituose, und wird dementsprechend nur in ganz ganz wenigen ordentlichen Cocktails verwendet, denn der Sinn des Cocktail-Machens und -Trinkens ist ja, den Geschmack einer oder mehrerer Basis-Spirituosen zu einem Erlebnis anzureichern, und da hat Wodka nichts beizutragen. Sofern ihr also nicht ein Fußballer seid, der in einer Hotelbar in Batzelohna oder im "Oansa" in München mit einem Tisch und einer Flasche Grey Goose seine nächste Scheidung (oder seinen 19-jährigen Scheidungsgrund) aufreißen will oder muss, lasst davon die Finger, denn der Konsum von Wodka bringt einen in seiner Mission nicht voran (und mit "Mission" meine ich "Drinks zu lernen", nicht die oben erwähnte Dame).
Zum Einstieg eignen sich eher folgende Drinks (grob in dieser Reihenfolge) die mit weniger Zutaten auskommen, aber geschmacklich komplexer sind; man lernt dabei viel über die Zutaten und die eigenen Vorlieben:
- London Buck (Moscow Mule aber mit Gin statt Vodka, sonst schmeckt es ja nur nach Ginger Beer) oder Gin Gin Mule
- French 75
- Horse's Neck
- Whisky Sour
- Mint Julep
- Gin Gimlet
- Dark and Stormy
- White Lady
- Aviation
- Sidecar
- Last Word
- Corpse Reviver #2
Irgendwann ist es dann mal an der Zeit, Fruchtsaft und Zucker bleiben zu lassen. Das sind dann "richtige" Drinks. Untrainierte verziehen hier meist das Gesicht, also lieber wie oben beschrieben etwas herantasten. Insbesondere die letzten fünf oder sechs auf der Liste sind dazu wichtig, denn die schmecken schon etwas kräftiger und haben auch Liköre oder andere ungewöhnlichere, aber klassische, Zutaten mit drin.
Auch hier ist die Bandbreite groß, also fängt man einfach mit den "leichteren" an:
- Americano
- Martinez
- Boulevardier (Negroni mit Rye/Bourbon statt Gin)
- Rusty Nail
- Vesper Martini
Am Ende stehen dann die "harten" Klassiker, die man jetzt genießt, anstatt dass einem die Augen tränen:
- Negroni (mit Campari, das schmeckt den meisten zu Anfang nicht; im Boulevardier, s.o., ist es weniger "schlimm")
- Old Fashioned (nicht die Dorfdisco-Version die zu 90 % aus Zucker besteht)
- Manhattan (mit Variationen Bronx, Brooklyn, ...)
- Dry Martini (mit Gin bitte, und nicht mit der Wermut-Marke "Martini" verwechseln)
Und danach wird die Vielfalt enorm; ganz oft macht eine zusätzliche oder andere Zutat einen riesigen Unterschied:
- Bijou (=~ Martini plus Chartreuse und Orange Bitters)
- Harry Johnson Martini (= Martinez plus Absinth)
Oder man kombiniert das "neu gelernte":
- Vieux Carré (Rye, Cognac, Red Vermouth, Benedictine, Peychauds & Angostura Bitters)
- Monte Carlo (Rye, Benedictine, Angostura Bitters)
- Purgatory (Whisky, Chartreuse, Benedictine)
Liköre wie Chartreuse (gelb oder grün) oder Benedictine sind ganz wichtig; ebenso roter/süßer Wermut (in dieser Reihenfolge Carpano Antica Formula, Cinzao, Noilly Prat Rouge, Martini Rosso), den kann man auch mal einfach so trinken oder auf Eis; sowie trockener (ganz klar Noilly Prat, eignet sich auch gut zum Kochen statt Weißwein); dann weiter z.B. Lillet, immer lecker mit etwas Tonic und/oder Elderflower im Sommer...
Und das ganze bitte ein einer ordentlichen Bar. Boilerman's oder Le Lion (Gin Basil Smash!) in Hamburg; Jigger, Beaker & Glass oder Chapel oder Stagger Lee oder Redwood oder Lugosi in Berlin, Negroni (nicht Mauro's) oder Zephyr oder Gabanyi in München.
Wenn ihr in irgend eine "Cocktail Lounge" mit laminierten Karten in Castrop-Rauxel stolpert, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Also packt euch ein oder zwei interessierte Freunde ("the day you start drinking alone is the day you become an alcoholic") und macht euch ein mal die Woche einen Cocktail-Abend in einer guten Bar. Dann geht das ganz schnell. Das Ziel muss ja nicht immer sein, am Ende der Nacht betrunken zu sein; zwei oder drei Drinks vor oder nach dem Essen tun es ja auch.
Und eine kleine Hausbar ist auch immer gut. Wer mal starten will:
- zwei Gins (z.B. Sipsmith und Tanqueray)
- einen Bourbon
- einen Whisky
- einen Rum
- Campari
- roter plus trockener Wermut (Antica Formula und Noilly Prat; im Kühlschrank lagern!)
- Angostura Bitters
Optional:
- weitere Bitters (Peychaud's und Orange zuerst)
- Cognac
- Wodka
- Rye
- Brandy
- Triple Sec (Cointreau)
- Lillet
- Maraschino (den Likör, nicht die Kirschen)
- Chartreuse verte
- Benedictine
Wenn ihr dann immer Eis, Zitronen, Limetten, ein Glas + Löffel zum Rühren, einen Shaker, einen Muddler und einen Strainer daheim habt, könnt ihr praktisch alle klassischen Cocktails machen.
Tonic (in kleinen Flaschen, sonst geht die Kohlensäure raus) z.B. von Fever Tree oder Thomas Henry sowie z.B. Ginger Beer sollte natürlich immer im Kühlschrank liegen
P.S. Alles, was keine Fruchtsäfte enthält, wird in der Regel mit Eis gerührt, aber das wisst ihr zu dem Zeitpunkt dann ja selber
