Ich mag meine Landsleute im Ausland grundsätzlich nicht. Ausnahmen gibt's natürlich.

Früher warens die Alten, über die mich permanent lustig gemacht und aufgeregt habe. Insbesondere, wenn man den geführten Gruppen einfach mal so zugehört hat. Kriegen im Ausland nichts alleine auf die Kette, prahlen aber für die Daheimgebliebenen mit ihrer Abenteuerlust. Ich hatte es in meinem Reisebericht zu Saudi-Arabien schon geschildert. Was ich da in Al-Ula zu hören bekommen habe, war einfach erschreckend.
Mittlerweile geh ich selbst auf die 40 zu und erheitere mich über die Jüngeren, insbesondere die Generation Schneeflocke. Im letzten Jahr habe ich am oberen Scheitelpunkt des 12 Kilometer-Hikes in Salento/ Kolumbien (da gibt's ein nettes Café) eine Pause eingelegt und einer Gruppe deutscher Studenten (schätzungsweise zwischen 20-25 Jahre alt) einfach mal zugehört, was die so von sich gegeben haben. Es war wirklich zum Fremdschämen. Als die sich ihre Reiseroute so gegenseitig präsentiert haben, waren sich alle einig, dass Salento, Medellín mit El Poblado und der Comuna 13, Santa Marta und die hippen AirBnBs in Bocagrande in Cartagena das wahre Kolumbien zeigen. Konnte man sich keine fünf Minuten anhören. Es mangelt bei diesen Leuten aus meiner Sicht einfach am kulturellen Verständnis und echten Interesse am Land abseits bekannter Pfade. Zumal ich mich immer wieder frage, wie das in dem Alter möglich ist? Als Student hab ich zugesehen, dass ich in Regelstudienzeit fertig werde und mit dem ersparten Geld gleich zu Beginn des Berufslebens einen Notgroschen in der Hand hatte. So eine Reise war zumindest für mich in dem Alter völlig undenkbar.
Noch schlimmer ist jedenfalls hier daheim geworden, als zum Spanischkurs ein Freelancer - nennen wir ihn Elias, Mitte 20 und social media content creator - im Rahmen von Probestunden zu unserem Kurs dazugestoßen ist. In der Vorstellungsrunde gab's dann interessante Geschichten über die letzten drei Monate in Kolumbien und Venezuela zu hören (zu letzterem wer's glaubt) und die fantastischen Spanischkenntnisse (nichtmal ein fehlerfreies buenos días war drin) haben gleich zu Beginn ein sympathischen Eindruck hinterlassen. In der dritten Probestunde jedenfalls gab's dann die Aufgabe, mit drei Minuten Vorbereitungszeit kurz darüber zu referieren, warum jeder von uns Spanisch lernt. Als Elias dran war, war nach drei Worten Schluss, das Lehrbuch wurde zusammengeklappt und mit "das ist mir zu doof hier, ich geh nach Hause" die Gruppe verabschiedet. Der Rest hat sich gefragt, was das jetzt für eine Nummer war. Jedenfalls war mein Rückschluss aus diesem Auftreten, dass Elias in Kolumbien ausschließlich in den sicheren Gegenden unterwegs war, sich bis auf die Clubbesuche ausschließlich mit Expats umgeben hat und bei kleinsten Problemen dort drüben wahrscheinlich Papa angerufen und um Geld gebeten hat, da er ansonsten wie Schnee in der Sonne dahingeschmolzen wäre.
Und zum Thema über sich selbst schämen: klar. Lest nur die letzten drei Absätze. Durch meine Erfahrungen habe ich mittlerweile einen Hang zum Verallgemeinern, schere alle Deutschen im Ausland über einen Kamm und lass das wahrscheinlich ab und an in meinem Auftreten erkennen. Vielleicht hat Elias ja noch Bäume gepflanzt und einfach kein Talent für Sprache. Vielleicht waren die Stundenten einfach cleverer als ich damals und haben sich ein eigenes Business aufgebaut, um sich so eine Reise leisten zu können. Die eigene Arroganz jedenfalls dürfte nicht immer sympatisch rüberkommen und ich versuche mich am Ende auch mal wieder selbst zu erden.