Das hier verbreitete Lob für das Interview verstehe ich nicht.
Die Kernaussage "wir muessen so viel besser sein, wie wir teurer sind, ist absolut richtig. ABER:
a) ist das keine neue Aussage, also kein Grund aus dem Hauschen zu geraten, das hat Spohr schon wiederholt gesagt und wurde hier auch damit zitiert.
b) ist schwer zu erkennen, wo dieser Erkenntnis bisher Taten gefolgt sind.
Für mich besteht die Marke LH (und deren Töchter) aus exzellenten Piloten, einem sehr engagierten Kabinenpersonal, einem auf der Langstrecke guten Produkt..... und einer leider mediokren Unternehmensführung.
1) Ja! 2) Teils, teils,
sehr gemischt. 3) nein, kann ich gerade auf der Langstrecke nicht bestaetigen. 4) Nun ja, gemessen an den vergleichbaren AF, AZ, SK hat die Unternehmensfuehrung einen guten Job gemacht, gemessen an BA nicht ganz so, wobei BA einfach ein paar strukturelle Vorteile hatte. Das deutet darauf hin, dass der Job in der Tat alles andere als leicht ist, und das Management vielleicht nicht perfekt war, ein anderes Management aber auch vieles noch deutlich schlechter hätte machen können. Aber vielleicht ist es auch das, was Du mit "medioker" meintest.
Hier geht es um Pensionszusagen, die bereits zum Grab vieler Mittelständler wurden. Jedes Unternehmen muss hier reagieren und Dinge verändern, will es nicht in eine Abwärtsspirale kommen. Pensionszusagen sind aus Unternehmerischer Sicht Teufelszeug aus ferner Vergangenheit. Jeder tut mir leid, der sich heute damit rumschlagen muss.
Nun ja, das Problem resultiert ja insbesondere aus der Zinspolitik der EZB und dem daraus resultierenden Anstieg der Pensionsverpflichtungen. Das gute alte HGB sah ja eine Diskontierung von Pensionsverpflichtungen mit 6% vor. Würde man diese 6% heute noch anwenden, könnte sich LH vor
Milliardenüberschüssen in der Bilanz gar nicht retten. Statt dessen bilanziert man - getreu dem Motto "am Amerikanischen Renchnungs-Wesen soll die Welt genesen - heute die "true and fair view" (das sogenannte kaufmaennische Vorsichtsprinzip hat ausgedient) gemäß IFRS ("Irre Führendes RechnungsSystem") und US-GAAP und läßt mit Mini-Diskontsätzen die Pensionsverpflichtungen explodieren. Würde man mit 4% diskontieren, hätte die LH kein Defizit. "A-ha! Spricht da der - neudeutsch - Accountant: Habt Ihr denn auf den Zinsmarkt geschaut? 1,6% ist ja noch großzügig, demnächst müßt ihr mit 1% diskontieren!". Der Weise jedoch erwidert: "Das habt
ihr uns doch eingeführt. Wegen Euch sind wir auf das angewiesen, was die Kapitalmärkte liefern. Auslagerung aus der Bilanz - habt ihr uns gesagt. Entlastung des Eigenkapitals- habt ihr uns gesagt. Früher war das unsere Innenfinanzierung in der Bilanz, und 4% konnten wir operativ im Unternehmen auf Dauer erwirtschaften. Könnten wir es nicht, müßten wir das Unternehmen doch ohnehin dicht machen."
Es wurden zwar viele Themen angesprochen, aber nichts kritisch hinterfragt!
An einer Stelle wurde es zumindest angerissen, nämlich:
Ausnahme ist "Wings", aber hier sehe ich die "Schuld" auch nicht beim LH-Management, sondern bei uns Kunden. Wenn wir (in der großen Mehrheit) nur noch 59€ für einen Flug bezahlen, kann kein besseres Produkt dafür geliefert werden.
Kommt eben darauf an, wo man sparen kann und will. EW hat man ja nicht deswegen eingeführt, weil der Kunde gesagt hat, "ich will gerne bei Wasser und Brot fliegen", sondern weil er gesagt hat "ich will für einen kurzen Hüpfer von einer Stunde nicht mehr die Luxusversorgung von ehemaligen Staatsbeamten finanzieren". Und weil man aus diesen Alt-Verträgen als LH nicht schnell genug herausgekommen ist, mußte eben EW her. Dies wurde ja im Interview (zaghaft) gefragt, man hat sich dann aber viel zu schnell mit der Antwort zufrieden gegeben, EW sei ja eine deutsche Gesellschaft mit deutschem Tarifvertrag. In Wirklichkeit dient EW natürlich dem Zweck, einerseits schnell mit "zeitgemäßen" Tarifverträgen starten zu können, andererseits sicher auch dem Zweck, die Gewerkschaften unter Druck zu setzen. Irgendwo wurde hier einmal die These geäußert, EW sei die "bad bank" der LH-Gruppe. Ich hatte dort gesagt (und wiederhole es hier), daß nicht EW die bad bank ist, sondern LH. Bad bank hier definiert als die Unternehmenseinheit, in der "Alt-Lasten" gebündelt werden, derer man sich nicht unmittelbar entledigen kann, und dann sukzessive abgearbeitet werden. Wenn der letzte "luxusversorgte" (ich überspitze hier) Pilot in den Ruhestand gegangen ist, wird man EW als "Lufthansa-Kontinental" oder so etwas ähnliches rebranden.
Im Grunde ist EW nicht das Produkt der Kundenwünsche, sondern das Produkt eines Verteilungskampfes zwischen Alt-Crews (die - verständlicherweise - ihre Privilegien verteidigen) und Neu-Crews (die keine Privilegien haben, und wissen, dass sie zu Alt-Privilegien-Konditionen gar nicht erst den Einstieg in den Job machen können). Das soll keine Wertung sein, sondern nur eine nüchterne Beschreibung. Die Sicht der Alt-Crews ist ja durchaus verständlich, aber die Konsequenz ist eben... EW.