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Wie einige erinnern arbeite ich sehr nebenbei an einem Manuskript über meine Concorde Reisen. Titel meine Concorde Reisen - travelling at the edge of space
Wenn es interessiert, der mag ein Kapitel lesen.
Teil 1
Längst gehört dieses Flugzeug zu Luftfahrtgeschichte, denn 2003 ist eine CONCORDE zum letzten Mal geflogen. Sie galt als sehr viel mehr als nur ein Flugzeug. als etwas Besonderes und Außergewöhnliches. Sie wurde als eine der wichtigen Ikonen des Zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, nicht nur von Luftfahrt- und Technikbegeisterten. In ihren Herstellerländern Frankreich und England entwickelte sie sich zu einem Symbol des Nationalstolzes. Und als Technologie Spin-off und als Wirtschaftsförderung erlangte sie große ökonomische Bedeutung für Europa. Vielleicht würde es ohne die Entwicklung der CONCORDE das europäische Airbus Konsortium nicht als Markführer des zivilen Flugfzeugbaus geben.
Für viele Menschen im vergangenen Jahrhundert galt dieses Flugzeug als Inbegriff von Schönheit und technischer Innovation, als ein herausragendes Symbol des Zeitgeistes, des Fortschrittsglaubens und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ebenso wie die Mondlandungen des amerikanischen Apollo Programms zwischen 1969 und 1972 zeigte die erfolgreiche Entwicklung dieses besonderen Flugzeugs, wozu die Menschheit fähig ist. Für ihre Zeit galt als ein technisches Wunderwerk, ein riesiger techologisch Sprung in die Zukunft. Bis Heute gab und gibt es kein anderes zivilies und auch kein militärisches Flugzeug, daß seine Insassen über mehr als zwei Stunden im Überschall-Modus befördern kann. Das Reisenn in einer CONCORDE vermittelte, wie der Betreiber British Airways es in den 1990ern in seinem Flugplan beschrieb, the ultimate flying experience.
Doch zunächst ein Blick auf den ersten Menschen, der supersonic flog, schneller als der Schall. Am 14. Oktober 1947 durchbrach der amerikanische Testpilot Cuck Yeager mit dem Experimental-Flugzeug Bell X-1 in etwa 15.000 m Höhe nachweislich die Schallmauer. Ein anderes Flugzeug hatte in in diese Höhe getragen, wo er seine Trienwerke zündete, denn sonst hätte der Treibstoff nicht gereicht. In den folgenden Jahren des Kaltes Kriegs wurden dann militärische Flugzeuge für Kampfeinsätze gebaut, die für kurze Zeit und kurze Strecken supersonic fliegen konnten. Ein Flugzeug, das längere Zeit im Überschall-Modus fliegen und Kontinente verbinden konnte, gab es nicht und lag weit außerhalb der technischen Möglichkeiten. Doch dies sollte der nächste technologische Schritt der Luftfahrt sein.
Am 29. November 1962 schlossen Briten und Franzosen einen Kooperationsvertrag mit dem Titel Abkommen zwischen der Regierung des Vereinten Königreichs GB und Nord-Irland und der Republik Frankreich hinsichtlich der Entwicklung und Produktion eines zivilen Überschall-Transport-Flugzeuges. Diese Zielsetzung bedeuteten einen umfangreichen gigantischen Schritt in technologisches Neuland. Es folgte eine fast zehn Jahre andauernde und Konstruktions- und Entwicklungphase, bis schließlich am 02.03.1969 der erfolgreiche Jungfernflug stattfand. Ab 1971 dann wurden zahlreiche Promotions- und Verkaufsreisen unternommen. Eine führte die CONCORDE nach Südamerika, bei der sie für die 8.000 Kilometer von Paris nach Rio de Janeiro sie nur gut vier Stunden benötigte. Im Jahr 1976 dann begann der Überschall-Linienverkehr mit Passagieren, neunundzwanzig Jahre nach Chuck Yaegger und seinem Experimentalflugzeug.
Doch für die Hersteller entwickelte sich das CONCORDE Projekt zu einem kommerziellen Misserfolg, denn die Hoffnung auf massenhafte Verkaufserfolge ging nicht auf. Insgesamt wurden nur zwanzig Exemplare gebaut. Vier Maschinen davon waren Prototypen und Vorserienmodelle für Testversuche und dienten der Flugerprobung. Sechzehn kauften schließlich die Fluggesellschaften der Herstellerländer, Air France und British Airways, und setzten sie vom 21. Januar 1976 bis zum 24. März 2003 im Linienverkehr ein. Schwerpunktmäßig erfolgte dies von den Hauptstädten Paris und London, an die amerikanische Ostküste nach New York und nach Washington.
Denke ich an die Entwicklungszeit der CONCORDE, an die 1960er und 1970er, so fallen mir die historischen Bezüge ein, die ich miterlebt habe: Die Ermordung von Präsident Kennedy und Martin Luther King, der Kalte Krieg, die Kuba Krise. 1962 der drohende Untergang der Menschheit. Die Angst vor der Atombombe. Die Niederschlagungen der Demokratie des Prager Frühlings durch die Sowjetunion 1968. Und 1973 durch die Amerikaner in Chile, durch die Installation einer rechtsgerichteten Militärdiktatur. Oder die Beatles und die Rolling Stones, die Mondlandungen, das Woodstock-Festival. 1968, das Jahr der Revolte und der Summer of love, Das Live-aid Concert 1985 in London und Phildalphia gegen den Hunger, bei dem knapp zwei Milliarden Zuschauer weltweit an den Fernsehgeräten saßen. Und Phil Collins nach seinem Auftritt im alten Londoner Wembley Stadion mit einer CONCORDE nach Amerika flog, um während dieses globalen Mega-Events an einem und demselben Tag in beiden Shows auf zwei unterschiedlichen Kontinenten aufzutreten. Heute Geschichte.
Der Zweite Weltkrieg mit dem Grauen der Konzentrationslager und die gruseligen 1950er lagen nur kurz zurück. Ähnlich wie die Mondlandungen mit den Apollo Kapseln galt die CONCORDE in den 1960ern und 1970ern als ein Symbol des großen gesellschaftlichen, sozialen und technischen Fortschritts dieser Jahrzehnte. Viele aus meiner Generation haben davon geträumt, einmal im Leben mit diesem besonderen Flugzeug unterwegs zu sein, nur wenigen ist es gelungen. Es flog mit Mach 2.2, mehr als zwei Mal so schnell wie ein Jumbojet 747, und war am Rande des Weltraums unterwegs.
Eine Reise in dieser Höhe war ein Erlebnis, das vor und nach der CONCORDE lediglich Test- bzw. Militärpiloten mit Sauerstoffmasken in Schutzanzügen möglich war und ist. Während der Zeit des CONCORDE Flugbetriebs konnten jedermann und jede Frau dieses erleben, ohne Sauerstoffmasken, in Alltagskleidung, bei einem Glas Champagner, wenn sie bereit waren zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark für ein Ticket zu zahlen. Überschall-Flüge wurden teuer und hochwertig vermarket, für die Zielgruppe der Wichtigen, Reichen und Schönen. Immer wurden sie als ein herausragendes Erlebnis mit VIP-Gefühl und großem Luxus gestaltet. Reisen in Schönheit und Stil, wie Britisch Airways das Fliegen mit der CONCORDE in ihrer Werbung beschrieb.
In nur drei Stunden und zwanzig Minuten gelangten diejenigen, die es sich leisten konnten, von Paris oder London nach New York. Da die Tickets für diese unglaubliche Erfahrung so extrem teuer waren, standen in New York und London immer auch Ersatzmaschinen bereit. Wer für einen Überschall-Flug gezahlt hatte, der erwartete auch mit einer CONCORDE zu fliegen. Deswegen wäre es inakzeptabel gewesen, wenn bei Ausfall einer Maschine, etwa aufgrund eines technischen Problems, keine gleichwertige Ersatzmaschine bereit gewesen wäre. Das waren die Betreiber Air France und British Airways ihren wohlhabenden Passagieren schuldig.
Zwar gehöre ich nun keineswegs zu dieser besonderen Klientel, aber es gelang mir, zwischen 1995 und 2002 fünf Mal den Atlantik zwischen London und New York in diesem technischen Wundervogel zu überqueren. Fragt mich als alter Mann jemand nach den großen Erlebnissen meines Lebens oder denke ich selbst in einer ruhigen Stunde darüber nach, so kommen mir immer wieder auch meine CONCORDE Reisen in den Sinn. Nicht aus Eitelkeit, es hinein geschafft zu haben, nicht wegen der Super-First-Class, dem VIP-Effekt, den Berühmtheiten oder britischen Royals, die man unterwegs treffen konnte oder dem legendären CONCORDE Room am Flughafen Heathrow, sondern wegen der puren Schönheit dieser Reisen, wegen der technischen Faszination der Schallgeschwindigkeit und des Außergewöhnlichen, wegen des Fliegens am Rande des Weltraums, wegen des begeisternden Ausblicks auf die Erdkrümmung unseres blauen Plantens und in das Dunkel des Weltraums.
Entdecken, Entwickeln, und Erfindergeist sind zentrale Tugenden und Elemente des menschlichen Daseins. Sonst wären wir vielleicht noch Affen, die ihre Bäume nicht verlassen haben. Dies gilt auch um den Preis der negativen Seiten, dass wissenschaftliches Wissen und technische Entwicklungen bis in die Gegenwart für Zerstörung und Krieg, sowie für Ausbeutung und Versklavung benutzt werden. Vielleicht in der Gegenwart mehr denn mehr denn je.
Abbildung: Aus einem Flugplan von BA in den 1990ern
Teil 2
Erst Jahre später, als der Betrieb der CONCORDE längst eingestellt war, begann ich umfassend zu begreifen, was ich erlebt hatte. Besonders beeindruckte mich immer, dass man von London nach New York die Zeit überholen konnte und vor seinem Abflug dort ankam, gemessen an der Ortszeit. Nach Einsteins Relativitätstheorie soll man unterwegs sogar einige Milli-Milli-Milli-Nanosekunden jünger geworden sein, aber mein Verstand reicht nicht aus, dieses zu erklären.
In der Gegenwart von 2022 ist das Reisen in einem Flugzeug für Normalsterbliche zu einem freudlosen Viehtransport geworden, jedenfalls in meinen Augen. Zwar oft relativ günstig, aber man sitzt menschenverachtend eng und wird bei längeren Flügen der Gefahr einer Thrombose ausgesetzt. Der Essen und der Service sind meist karg und unerträglich, verglichen mit denjenigen Zeiten, in denen Reisen von Flughafen zu Flughafen noch für jeden Passagier ein besonders angenehmes Ereignis war. Selbstverständlich kann auch in der Gegenwart entspannt und luxuriös in einem Flugzeug unterwegs sein, wenn man bereit ist, viel Geld auszugeben, oder über eine der vielen Goldkärtchen verfügt, deren Privilegien das Fliegen angenehmer machen oder zumindest einige der Tricks kennt, die zum selben Ziel führen können.
Manchmal habe ich mir die Frage gestellt, wie viele derjenigen, die mit einer CONCORDE unterwegs waren, heute gegen Ende 2022 eigentlich noch leben und habe eine Annäherung versucht. Es gab Linien-, Charter- und Sightseeing-Flüge, doch verlässliche Zahlen zu den transportierten Passagieren gibt es nicht. Ich kann lediglich versuchen, eine Größenordnung schätzen. In dem Buch von Christopher Orlebar, einem ehemaligen CONCORDE Piloten, mit dem Titel The Concorde Story, sind folgende Informationen zu finden: Der zweimal am Tag angebotene Dienst von British Airways nach New York hatte in Richtung Westen eine Auslastung von siebzig bis achtzig Prozent, Richtung Osten nur fünfzig sechzig Prozent, da viele Geschäftsreisende zurück den Nachtflug in der 747 nahmen. Der tägliche Dienst von Air France nach JFK war im Schnitt zu sechzig Prozent ausgelastet. Im Oktober 1987 hatte British Airways den einmillionsten Passagier im Linienverkehr befördert, bei Air France waren es zu diesem Zeitpunkt 667.000. Zum zwanzigsten Jahrestag des kommerziellen Betriebs am 21.6.1996 hatte Air France inklusive ihrer Charterflüge mehr als 1,1 Million Passagiere erreicht. Bei British Airways waren es zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Millionen.
Andere Fluggesellschaften betrieben die CONCORDE nicht. Es gab aber zwei wichtige Kooperationen: die längst untergegangene amerikanische Fluggesellschaft BRANIFF führte 1978 bis 1980 den British Airway und Air France Flüge nach Washington subsonic weiter nach Dallas, Texas, allerdings ohne dabei kommerziell erfolgreich sein zu können. Von 1977 bis 1980 kooperierten British Airways und Singapore Airlines für Flüge Singapore bei einem Zwischenstop in Bahrain.
Versuche ich zu schätzen, komme ich unter Berücksichtigung der zahlreichen Charter-, Sightseeing und Promotion-Flüge, auf eine Größenordnung von knapp vier Millionen Passagieren, die jemals mit einer CONCORDE transportiert wurden. Diese Zahl wird auch in der Dokumentation Mythos Concorde genannt. Davon ziehe ich geschätzte siebzig Prozent ab, denn der weitaus überwiegende Teil der Überschall-Gäste waren Mehrfach- und Vielfachreisende, die mindestens zweimal und oft sehr viel häufiger supersonic geflogen sind, so wie ich. Damit ergibt sich geschätzt ein Personenkreis von vielleicht 1,2 Millionen Menschen, die jemals mit einer CONCORDE unterwegs waren. Dann habe ich zu berücksichtigen, dass es einen großen signifikanten Altersbias dieses Passagierkollektivs gab. Es waren überwiegend ältere Menschen, vor allem Männer, VIPs, wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger, die weit überwiegend ihren fünfzigsten Geburtstag bereits erlebt hatten. Ein großer Teil von ihnen wird mittlerweile verstorben sein.
Versuche ich die Zahl der im Jahr 2022 noch lebenden CONCORDE Passagiere schätzen, würde ich vielleicht 600.000 nennen. In zehn bis fünfzehn weiteren Jahren wird wohl nur noch ein kleiner Teil von ihnen anwesend sein. So wie irgendwann der letzte Apollo Astronaut gestorben sein wird, geschieht es auch mit den CONCORDE-Reisenden.
Wenn es interessiert, der mag ein Kapitel lesen.
Teil 1
CONCORDE: Mehr als ein Flugzeug
Längst gehört dieses Flugzeug zu Luftfahrtgeschichte, denn 2003 ist eine CONCORDE zum letzten Mal geflogen. Sie galt als sehr viel mehr als nur ein Flugzeug. als etwas Besonderes und Außergewöhnliches. Sie wurde als eine der wichtigen Ikonen des Zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, nicht nur von Luftfahrt- und Technikbegeisterten. In ihren Herstellerländern Frankreich und England entwickelte sie sich zu einem Symbol des Nationalstolzes. Und als Technologie Spin-off und als Wirtschaftsförderung erlangte sie große ökonomische Bedeutung für Europa. Vielleicht würde es ohne die Entwicklung der CONCORDE das europäische Airbus Konsortium nicht als Markführer des zivilen Flugfzeugbaus geben.
Für viele Menschen im vergangenen Jahrhundert galt dieses Flugzeug als Inbegriff von Schönheit und technischer Innovation, als ein herausragendes Symbol des Zeitgeistes, des Fortschrittsglaubens und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ebenso wie die Mondlandungen des amerikanischen Apollo Programms zwischen 1969 und 1972 zeigte die erfolgreiche Entwicklung dieses besonderen Flugzeugs, wozu die Menschheit fähig ist. Für ihre Zeit galt als ein technisches Wunderwerk, ein riesiger techologisch Sprung in die Zukunft. Bis Heute gab und gibt es kein anderes zivilies und auch kein militärisches Flugzeug, daß seine Insassen über mehr als zwei Stunden im Überschall-Modus befördern kann. Das Reisenn in einer CONCORDE vermittelte, wie der Betreiber British Airways es in den 1990ern in seinem Flugplan beschrieb, the ultimate flying experience.
Doch zunächst ein Blick auf den ersten Menschen, der supersonic flog, schneller als der Schall. Am 14. Oktober 1947 durchbrach der amerikanische Testpilot Cuck Yeager mit dem Experimental-Flugzeug Bell X-1 in etwa 15.000 m Höhe nachweislich die Schallmauer. Ein anderes Flugzeug hatte in in diese Höhe getragen, wo er seine Trienwerke zündete, denn sonst hätte der Treibstoff nicht gereicht. In den folgenden Jahren des Kaltes Kriegs wurden dann militärische Flugzeuge für Kampfeinsätze gebaut, die für kurze Zeit und kurze Strecken supersonic fliegen konnten. Ein Flugzeug, das längere Zeit im Überschall-Modus fliegen und Kontinente verbinden konnte, gab es nicht und lag weit außerhalb der technischen Möglichkeiten. Doch dies sollte der nächste technologische Schritt der Luftfahrt sein.
Am 29. November 1962 schlossen Briten und Franzosen einen Kooperationsvertrag mit dem Titel Abkommen zwischen der Regierung des Vereinten Königreichs GB und Nord-Irland und der Republik Frankreich hinsichtlich der Entwicklung und Produktion eines zivilen Überschall-Transport-Flugzeuges. Diese Zielsetzung bedeuteten einen umfangreichen gigantischen Schritt in technologisches Neuland. Es folgte eine fast zehn Jahre andauernde und Konstruktions- und Entwicklungphase, bis schließlich am 02.03.1969 der erfolgreiche Jungfernflug stattfand. Ab 1971 dann wurden zahlreiche Promotions- und Verkaufsreisen unternommen. Eine führte die CONCORDE nach Südamerika, bei der sie für die 8.000 Kilometer von Paris nach Rio de Janeiro sie nur gut vier Stunden benötigte. Im Jahr 1976 dann begann der Überschall-Linienverkehr mit Passagieren, neunundzwanzig Jahre nach Chuck Yaegger und seinem Experimentalflugzeug.
Doch für die Hersteller entwickelte sich das CONCORDE Projekt zu einem kommerziellen Misserfolg, denn die Hoffnung auf massenhafte Verkaufserfolge ging nicht auf. Insgesamt wurden nur zwanzig Exemplare gebaut. Vier Maschinen davon waren Prototypen und Vorserienmodelle für Testversuche und dienten der Flugerprobung. Sechzehn kauften schließlich die Fluggesellschaften der Herstellerländer, Air France und British Airways, und setzten sie vom 21. Januar 1976 bis zum 24. März 2003 im Linienverkehr ein. Schwerpunktmäßig erfolgte dies von den Hauptstädten Paris und London, an die amerikanische Ostküste nach New York und nach Washington.
Denke ich an die Entwicklungszeit der CONCORDE, an die 1960er und 1970er, so fallen mir die historischen Bezüge ein, die ich miterlebt habe: Die Ermordung von Präsident Kennedy und Martin Luther King, der Kalte Krieg, die Kuba Krise. 1962 der drohende Untergang der Menschheit. Die Angst vor der Atombombe. Die Niederschlagungen der Demokratie des Prager Frühlings durch die Sowjetunion 1968. Und 1973 durch die Amerikaner in Chile, durch die Installation einer rechtsgerichteten Militärdiktatur. Oder die Beatles und die Rolling Stones, die Mondlandungen, das Woodstock-Festival. 1968, das Jahr der Revolte und der Summer of love, Das Live-aid Concert 1985 in London und Phildalphia gegen den Hunger, bei dem knapp zwei Milliarden Zuschauer weltweit an den Fernsehgeräten saßen. Und Phil Collins nach seinem Auftritt im alten Londoner Wembley Stadion mit einer CONCORDE nach Amerika flog, um während dieses globalen Mega-Events an einem und demselben Tag in beiden Shows auf zwei unterschiedlichen Kontinenten aufzutreten. Heute Geschichte.
Der Zweite Weltkrieg mit dem Grauen der Konzentrationslager und die gruseligen 1950er lagen nur kurz zurück. Ähnlich wie die Mondlandungen mit den Apollo Kapseln galt die CONCORDE in den 1960ern und 1970ern als ein Symbol des großen gesellschaftlichen, sozialen und technischen Fortschritts dieser Jahrzehnte. Viele aus meiner Generation haben davon geträumt, einmal im Leben mit diesem besonderen Flugzeug unterwegs zu sein, nur wenigen ist es gelungen. Es flog mit Mach 2.2, mehr als zwei Mal so schnell wie ein Jumbojet 747, und war am Rande des Weltraums unterwegs.
Eine Reise in dieser Höhe war ein Erlebnis, das vor und nach der CONCORDE lediglich Test- bzw. Militärpiloten mit Sauerstoffmasken in Schutzanzügen möglich war und ist. Während der Zeit des CONCORDE Flugbetriebs konnten jedermann und jede Frau dieses erleben, ohne Sauerstoffmasken, in Alltagskleidung, bei einem Glas Champagner, wenn sie bereit waren zwischen zehn- und zwanzigtausend Mark für ein Ticket zu zahlen. Überschall-Flüge wurden teuer und hochwertig vermarket, für die Zielgruppe der Wichtigen, Reichen und Schönen. Immer wurden sie als ein herausragendes Erlebnis mit VIP-Gefühl und großem Luxus gestaltet. Reisen in Schönheit und Stil, wie Britisch Airways das Fliegen mit der CONCORDE in ihrer Werbung beschrieb.
In nur drei Stunden und zwanzig Minuten gelangten diejenigen, die es sich leisten konnten, von Paris oder London nach New York. Da die Tickets für diese unglaubliche Erfahrung so extrem teuer waren, standen in New York und London immer auch Ersatzmaschinen bereit. Wer für einen Überschall-Flug gezahlt hatte, der erwartete auch mit einer CONCORDE zu fliegen. Deswegen wäre es inakzeptabel gewesen, wenn bei Ausfall einer Maschine, etwa aufgrund eines technischen Problems, keine gleichwertige Ersatzmaschine bereit gewesen wäre. Das waren die Betreiber Air France und British Airways ihren wohlhabenden Passagieren schuldig.
Zwar gehöre ich nun keineswegs zu dieser besonderen Klientel, aber es gelang mir, zwischen 1995 und 2002 fünf Mal den Atlantik zwischen London und New York in diesem technischen Wundervogel zu überqueren. Fragt mich als alter Mann jemand nach den großen Erlebnissen meines Lebens oder denke ich selbst in einer ruhigen Stunde darüber nach, so kommen mir immer wieder auch meine CONCORDE Reisen in den Sinn. Nicht aus Eitelkeit, es hinein geschafft zu haben, nicht wegen der Super-First-Class, dem VIP-Effekt, den Berühmtheiten oder britischen Royals, die man unterwegs treffen konnte oder dem legendären CONCORDE Room am Flughafen Heathrow, sondern wegen der puren Schönheit dieser Reisen, wegen der technischen Faszination der Schallgeschwindigkeit und des Außergewöhnlichen, wegen des Fliegens am Rande des Weltraums, wegen des begeisternden Ausblicks auf die Erdkrümmung unseres blauen Plantens und in das Dunkel des Weltraums.
Entdecken, Entwickeln, und Erfindergeist sind zentrale Tugenden und Elemente des menschlichen Daseins. Sonst wären wir vielleicht noch Affen, die ihre Bäume nicht verlassen haben. Dies gilt auch um den Preis der negativen Seiten, dass wissenschaftliches Wissen und technische Entwicklungen bis in die Gegenwart für Zerstörung und Krieg, sowie für Ausbeutung und Versklavung benutzt werden. Vielleicht in der Gegenwart mehr denn mehr denn je.
Abbildung: Aus einem Flugplan von BA in den 1990ern
Teil 2
Erst Jahre später, als der Betrieb der CONCORDE längst eingestellt war, begann ich umfassend zu begreifen, was ich erlebt hatte. Besonders beeindruckte mich immer, dass man von London nach New York die Zeit überholen konnte und vor seinem Abflug dort ankam, gemessen an der Ortszeit. Nach Einsteins Relativitätstheorie soll man unterwegs sogar einige Milli-Milli-Milli-Nanosekunden jünger geworden sein, aber mein Verstand reicht nicht aus, dieses zu erklären.
In der Gegenwart von 2022 ist das Reisen in einem Flugzeug für Normalsterbliche zu einem freudlosen Viehtransport geworden, jedenfalls in meinen Augen. Zwar oft relativ günstig, aber man sitzt menschenverachtend eng und wird bei längeren Flügen der Gefahr einer Thrombose ausgesetzt. Der Essen und der Service sind meist karg und unerträglich, verglichen mit denjenigen Zeiten, in denen Reisen von Flughafen zu Flughafen noch für jeden Passagier ein besonders angenehmes Ereignis war. Selbstverständlich kann auch in der Gegenwart entspannt und luxuriös in einem Flugzeug unterwegs sein, wenn man bereit ist, viel Geld auszugeben, oder über eine der vielen Goldkärtchen verfügt, deren Privilegien das Fliegen angenehmer machen oder zumindest einige der Tricks kennt, die zum selben Ziel führen können.
Manchmal habe ich mir die Frage gestellt, wie viele derjenigen, die mit einer CONCORDE unterwegs waren, heute gegen Ende 2022 eigentlich noch leben und habe eine Annäherung versucht. Es gab Linien-, Charter- und Sightseeing-Flüge, doch verlässliche Zahlen zu den transportierten Passagieren gibt es nicht. Ich kann lediglich versuchen, eine Größenordnung schätzen. In dem Buch von Christopher Orlebar, einem ehemaligen CONCORDE Piloten, mit dem Titel The Concorde Story, sind folgende Informationen zu finden: Der zweimal am Tag angebotene Dienst von British Airways nach New York hatte in Richtung Westen eine Auslastung von siebzig bis achtzig Prozent, Richtung Osten nur fünfzig sechzig Prozent, da viele Geschäftsreisende zurück den Nachtflug in der 747 nahmen. Der tägliche Dienst von Air France nach JFK war im Schnitt zu sechzig Prozent ausgelastet. Im Oktober 1987 hatte British Airways den einmillionsten Passagier im Linienverkehr befördert, bei Air France waren es zu diesem Zeitpunkt 667.000. Zum zwanzigsten Jahrestag des kommerziellen Betriebs am 21.6.1996 hatte Air France inklusive ihrer Charterflüge mehr als 1,1 Million Passagiere erreicht. Bei British Airways waren es zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Millionen.
Andere Fluggesellschaften betrieben die CONCORDE nicht. Es gab aber zwei wichtige Kooperationen: die längst untergegangene amerikanische Fluggesellschaft BRANIFF führte 1978 bis 1980 den British Airway und Air France Flüge nach Washington subsonic weiter nach Dallas, Texas, allerdings ohne dabei kommerziell erfolgreich sein zu können. Von 1977 bis 1980 kooperierten British Airways und Singapore Airlines für Flüge Singapore bei einem Zwischenstop in Bahrain.
Versuche ich zu schätzen, komme ich unter Berücksichtigung der zahlreichen Charter-, Sightseeing und Promotion-Flüge, auf eine Größenordnung von knapp vier Millionen Passagieren, die jemals mit einer CONCORDE transportiert wurden. Diese Zahl wird auch in der Dokumentation Mythos Concorde genannt. Davon ziehe ich geschätzte siebzig Prozent ab, denn der weitaus überwiegende Teil der Überschall-Gäste waren Mehrfach- und Vielfachreisende, die mindestens zweimal und oft sehr viel häufiger supersonic geflogen sind, so wie ich. Damit ergibt sich geschätzt ein Personenkreis von vielleicht 1,2 Millionen Menschen, die jemals mit einer CONCORDE unterwegs waren. Dann habe ich zu berücksichtigen, dass es einen großen signifikanten Altersbias dieses Passagierkollektivs gab. Es waren überwiegend ältere Menschen, vor allem Männer, VIPs, wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger, die weit überwiegend ihren fünfzigsten Geburtstag bereits erlebt hatten. Ein großer Teil von ihnen wird mittlerweile verstorben sein.
Versuche ich die Zahl der im Jahr 2022 noch lebenden CONCORDE Passagiere schätzen, würde ich vielleicht 600.000 nennen. In zehn bis fünfzehn weiteren Jahren wird wohl nur noch ein kleiner Teil von ihnen anwesend sein. So wie irgendwann der letzte Apollo Astronaut gestorben sein wird, geschieht es auch mit den CONCORDE-Reisenden.
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