Ich habe diesen Thread zum Anlass genommen darüber nachzudenken, warum ich mich hier und anderswo mehrfach an diesem LH-Bashing beteiligt habe:
1. LH hat lange ihre Quasi-Monopolstellung als ehemaliger Staatscarrier genutzt, um Mitbewerber klein zu halten und uns Kunden dabei abgezockt. Wer sich noch an Mindestpreise wie 450,- DM für Köln-Hamburg erinnern kann und dass gleichzeitig mit Niedrigstpreisen Mitbewerbern wie Aerolloyd oder der Original-Germanwings schon im Entstehen das Wasser abgegraben wurde, weiss was ich meine. Es ist wohl der grösste Verdienst von Herrn Hunold (auch bei Offenbarwerden vieler Fehlentscheidungen), diesen Teufelskreis mit seiner zusammengefrickelten "Hybrid"-Airline durchbrochen zu haben. Im Grunde findet das gleiche Spiel noch immer statt, wenn zum Beispiel auch jetzt Köln-Hamburg Flüge so günstig angeboten werden (heute geht es zu deutlich unter 100€) und in einer solchen Frequenz (wobei dann immer wieder Flüge aus "technischen" Gründen ausfallen), bis Mitbewerber Air Berlin sich nun von der Route zurückzieht. Mit unseren Tickets haben wir solche Verdrängungsversuche auch im Ausland unterstützt (der Konzern ist ja nun "Global Player") oder warum konnte man lange oder kann noch von Flughäfen in Italien über München oder Frankfurt günstiger mit der LH Fernstrecke fliegen, als von den Hubs in Deutschland selbst - gerade als Alitalia bald am Ende zu sein schien? Zum Glück für den Wettbewerb hat man mit Air One und LH Italy (schlimmer hat nur Air Berlin mit der Umbenennung von Belair den Imperialismus betrieben) auf's falsche Pferd gesetzt, statt auf die sehr gute Air Dolomiti zu bauen. Für ein wirtschaftlich handelndes Unternehmen ist solches Vorgehen völlig legitim. Aber für mich als Kunden ist es dann auch legitim bei vergleichbaren Preisen, Service und Raten eher beim Underdog zu buchen.
2. LH hat zu lange ihr immer noch hohes Image genutzt, um uns auf Langstrecken ein minderwertiges Produkt zu überhöhten Preisen (bei BA fliege und schlafe ich für deutlich weniger Geld wesentlich bequemer und besser) zu verkaufen, bzw. für knallharte Niedrigpreise auf den Kurz- und Europastrecken den Service heruntergezogen. In den letzten Jahren war das Kabinenpersonal bei Air Berlin schlichtweg bemühter und das Snack/Speisenangebot schlichtweg umfangreicher. Zeitweise konnte man sogar bei Ryanair kaufen, was es bei LH einfach gar nicht gab. Aber auch bei AB haben sich nun die Sparmassnahmen sehr negativ ausgewirkt zu haben, während LH zumindest innereuropäisch ein wenig nachgebessert hat. Uns auch die vielgescholtene NEK - auch wenn die angepriesenen Verbesserungen für die Kunden nicht wirklich erkennbar sind - ist ein Schritt in die richtige Richtung: Bretter nehmen weniger Knieraum weg und sind weniger durchgesessen als Polstersessel. Wenn auf der Langstrecke endlich einmal Bildschirme in der ECO und die neue Business (trotz der vieldiskuttierten, vermeintlichen Nachteile scheint es sich erstmals um ein konkurrenzfähiges Produkt zu handeln) eingeführt sind (was bei BA aber deutlich schneller ging), bleibt nur noch der Preisnachteil, aber kein Servicenachteil mehr. Im Grunde ärgere ich mich dabei aber nicht über LH, sondern über die vielen Bekannten, die LH immer noch für den Nabel der Welt und den Service daher für gut halten, weil Sie keine Alternativen kennen oder riskieren möchten (wozu ich zum Glück durch viele Nicht-LH-kompatible Ziele schon immer gezwungen war). Nur durch solche Kunden konnte dieses Geschäftsmodell so lange funktionieren.
3. Als Kunde in Deutschland erhoffe ich mir vom Deutschen Carrier LH natürlich eine bessere Anbindung meiner Heimatbasis Köln, als von ausländischen Mitbewerbern. Davon ist aber leider wenig übriggeblieben, nicht zuletzt dadurch, dass immer mehr Verbindungen der angeblich günstiger operierenden (und doch ständig Verlust einfahrenden) Ryanair-Kopie (ok, das Original ist um Längen schlechter) GermanwingsII übertragen wurden.
4. Lange Zeit habe ich die LH-Cabincrews als ein wenig kalt und arrogant empfunden, gerade gegenüber Air Berlin in deren Wachstumsphase oder auch Austrian (selbst mir fällt auf, dass beides Pleitekandidaten sind). Seit ich auch viel Ryanair, Air France oder Iberia fliegen muss, schätze ich es sehr, wenn ich einmal das Glück habe auf erfahrenes, routiniertes und vorausschauendes LH-Kabinenpersonal zu treffen (genau solche Mitarbeiter fehlen den aufstrebenden Nahost-Airlines und der zu Recht hochgelobten Turkish Airlines), aber leider sind auch hier wie bei allen anderen Airlines immer häufiger Mitarbeiter anzutreffen, für die dieser Job eine Art Übergangsbeschäftigung dazustellen scheint.
5. Miles&More ist sicherlich derzeit bei weitem das Vielfliegerprogramm mit den meisten Partnern, dem breitesten Angebot und der besten Flugprämienverfügbarkeit. Selbst die eingeschränkten Sammelmöglichkeiten sind immer noch besser als beim Wettbewerb. Dass Kundenbetreuung deutlich besser geht, zeigt aber gerade AB (BA, AF und EY sind eher Negativbeispiele). Und die Qualität der Partnerairlines schwankt zu sehr. Die Stammkunden unter Betrugsverdacht zu stellen und für den Einlass in eine überfüllte Lounge ohne freie Sitzplätze und mit ewigem Kartoffelsalat aber Bordkarte UND Statuskarte zu verlangen, ist eine Unverschämtheit! Ebenso wie die Kunden zu einzig verfügbaren Germanwings-Flügen zu zwingen und dann zeitweise aus der Lounge auszusperren (dies wurde zum Glück rückgängig gemacht, gilt aber z.B. in LHR oder BCN weiterhin).
6. LH's grösster Pluspunkt ist sicher das gleichbleibende, solide und flächendeckende Produkt. Wenn aber einmal etwas nicht funktioniert, ist man bei LH nicht besser dran als bei Mitbewerbern, egal in welcher Klasse man gereist ist oder welchen Status man sich erflogen hat. Bei verpassten Anschlüssen wird man zumindest früher informiert, aber da LH angeblich keine Koffer verloren gehen, ist LH auf diesen Fall sogar weniger vorbereitet als andere Airlines und es dauert umso länger bis zum Wiederauffinden.
Gestern habe ich meinen pünktlichen KLM Flug von Istanbul verpasst und musste auf LH Umbuchen. Im tiefsten Inneren freute ich mich erleichtert auf das weniger schechte Eco-Produkt, ärgerte mich aber über die entgangenen Punkte. Wie so oft hatte ich als SEN einen Mittelplatz (in Istanbul scheint bei LH kennen der Groundcrew mehr zu zählen als Status). Da Boarding angezeigt wurde habe ich die tolle TK-Lounge nicht genutzt und musste dann mit allen Fluggästen in der überfüllten Gatelounge 40min auf den "überraschend" wegen verspäteter Ankunft verspäteten Abflug stehend warten. An Bord gab es NEK und einen Hauch von Huhn in einem Hauch von Plastikschale und viele Gäste wurden vorab auf die Umbuchung auf Anschlüsse am Folgetag informiert und in Frankfurt musste ich 25min auf mein Gepäck warten ("Priority" zuletzt).
Wahrscheinlich erwarte ich einfach mehr von "unserem" Nationalcarrier, denn im Grunde war das Produkt solide und keineswegs schlechter als der Wettbewerb.Und es ist auffällig, dass die eifrigsten Kritiker der von mir hoch geschätzten BA in online-Foren Engländer sind.
Aber im Grunde haben wir alle grosses Glück, dass wir nicht ständig von Frankreich oder Spanien aus fliegen müssen - also mit AF oder IB!