Der Junge mit der Zauberformel
Carsten S. aus M. sitzt in seinem Büro und blickt auf eine Präsentation. Darauf steht in großen Buchstaben:
Premium. Premium. Premium.
Das ist bei kein Geschäftsmodell, das ist eine Beschwörungsformel.
Andere Airlines zählen Passagiere, Auslastung und Gewinn, der arme Carsten zählt, wie oft man „Premium“ sagen kann, bevor jemand im Publikum fragt, warum der Service trotzdem nach „bitte wenden Sie sich an unser nicht funktionierendes Callcenter“ klingt.
Während Ryanair Rekordgewinne meldet, und die Luftfahrtbranche Entlastungen fordert nickt Carsten S. ernst.
Denn natürlich braucht man Entlastung. Man kann ja nicht erwarten, dass ein Premiumkonzern allein mit Premiumpreisen, Premiumtarifen, Premiumaufschlägen und Premiumausreden wirtschaftlich durch den Alltag kommt.
Das wäre ja absurd.
Bei Carsten S. aus M. ist alles Premium. Der Flug ist Premium. Die Verspätung ist Premium. Die Warteschlange ist Premium. Selbst der Moment, in dem die App abstürzt, fühlt sich irgendwie exklusiv an. Nicht jeder bei Ryanair darf so teuer scheitern.
Vielleicht ist genau das das Problem: Premium wurde so lange auf alles geklebt, bis keiner mehr wusste, was es eigentlich bedeuten soll. Früher war Premium ein besserer Sitz, ein besserer Service, ein besseres Erlebnis. Heute ist Premium manchmal nur noch der Preis, der übrig bleibt, wenn der Rest gerade nicht funktioniert.
Carsten S. aus M. träumt trotzdem weiter. In seinem Traum steigt der Kunde ehrfürchtig ins Flugzeug, setzt sich auf Platz 1A und denkt: „Ja, das ist es. Genau dafür habe ich mehr bezahlt: für eine hochwertige Form der Ungewissheit.“
Ob der Koffer mitkommt?
Premium offen.
Ob der Anschluss klappt?
Premium spannend.
Ob der Kundenservice erreichbar ist?
Premium mystisch.
Und wenn am Ende wieder Minus in der Blianz steht, ist das natürlich kein Minus. Es ist ein strategisch anspruchsvoller Zwischenzustand auf dem Weg zu noch mehr Premium. Das erzählt er zumindest dem Michael K.
Vielleicht ist Premium also gar nicht am Ende.
Vielleicht ist Premium nur falsch angelegt: oben in der Präsentation statt unten beim Kunden.